Hyperaldosteronismus bei einer Katze
Smoky, Hauskatze, weiblich-kastriert, 12 Jahre alt
Smoky hatte uns Ende letzten Jahres beschäftigt. Sie verhielt sich seit mehreren Tagen merkwürdig, liegt vermehrt, frisst weniger und trinkt viel. Sie scheint auch Mühe zu haben, auf das Sofa zu springen. Am Tag der Vorstellung hat die Besitzerin bemerkt, dass die Katze den Kopf hängen lässt.
Der Untersuch ist ausser der Unfähigkeit, den Kopf normal zu tragen, unauffällig.
Erste Abklärungen
Wir führen einen kompletten Blutuntersuch (Hämatologie (Blutkörperchen), Chemie, Elektrolyte (Blutsalze), Schilddrüsenhormon) durch. Dieser ist bis auf ein deutlich zu tiefes Kalium unauffällig. Ein zu tiefes Kalium ist der häufigste Grund für die beobachtete sogenannte Ventroflexion des Kopfes (Unfähigkeit, den Kopf selbst zu tragen). Nun stellt sich die Frage, weshalb das Blut von Smoky zuwenig Kalium aufweist. Der häufigste Grund, ein chronisches Nierenversagen, kann aufgrund der normalen Nierenwerte ausgeschlossen werden. Medikamente wie Entwässerungsmittel hat Smoky keine erhalten, sie zeigte auch kein Erbrechen oder Durchfall, welcher zum Verlust von Kalium führen könnte.

Weitere Untersuchung und Verdachtsdiagnose
Nun gerät eine andere Krankheit in den Fokus: Der Hyperaldosteronismus. Bei dieser Krankheit zeigen die Katzen aufgrund eines zu hohen Blutspiegels des Hormons Aldosteron neben einem erniedrigten Kaliumspiegel auch einen Bluthochdruck.
Tatsächlich wird bei Smoky mit 231 / 164 mm Hg ein deutlich erhöhter Blutdruck gemessen - normal wäre ein systolischer Wert unter 150 und ein diastolischer Druck unter 100 mm Hg. Die Katze erhält vorerst ein Medikament zur Blutdrucksenkung und ein Präparat, welches Kalium enthält; ein Kontrolluntersuch wird für die Woche nach Neujahr vereinbart.
Diagnosestellung und Therapie
Eine Woche später sehen wir Smoky wieder. Es geht der Katze deutlich besser, sie hält den Kopf wieder normal. Beim Hochspringen auf das Sofa hat sie immer noch etwas Mühe. Der Blutdruck ist nur unwesentlich tiefer als beim ersten Besuch.
Mit Ultraschall wird der Bauchraum untersucht. Währenddem die linke Nebenniere ganz klein erscheint, ist die rechte Nebenniere massiv vergrössert - sie ist 15 Millimeter lang und 10 Millimeter dick; normalerweise ist dieses Organ bei Katzen höchstens halb so gross. Nun ist die Diagnose eines Hyperaldosteronismus praktisch sicher; nicht zuletzt aus finanziellen Überlegungen verzichten wir auf den abschliessenden Beweis der Krankheit: Eine Bestimmung des Hormons Aldosteron im Blut der Katze.
Die Dosis des Blutdrucksenkers wird erhöht und ein zweites Medikament zugesetzt; ausserdem erhält Smoky weiterhin zusätzliches Kalium im Futter. Geplant ist, Blutdruck und Kalium in drei Wochen erneut zu kontrollieren.


Wissenschaftliches
Smoky ist der erste Fall eines Hyperaldosteronismus in unserer Praxis. Das Problem ist selten, aber wahrscheinlich bleibt die Krankheit nicht selten unentdeckt, denn die Symptome (vermindertes Kalium im Blut und Bluthochdruck bei einer älteren Katze) können auch durch andere Krankheiten ausgelöst werden - insbesondere durch die bei älteren Katzen sehr häufige chronische Niereninsuffizienz.
Hyperaldosteronismus wird bei der Katze durch eine gut- oder bösartige Geschwulst in einer Nebenniere verursacht. Diese beiden kleinen Organe produzieren eine Serie von Hormonen, unter anderem das für den Blutdruck und Natrium/Kalium-Stoffwechsel verantwortliche Aldosteron. Fehlt dieses Hormon, resultiert eine lebensgefährliche sogenannte Addisons-Krise, bei welcher der Kaliumspiegel stark ansteigt und der Blutdruck abfällt (siehe den "Fall des Monats" von Shiva). Produzieren die Nebennieren hingegen zuviel Aldosteron, führt dies wie bei Smoky zu hohem Blutdruck und Kaliummangel, was meist etwas weniger dramatisch verläuft (Schädigung diverser Organe durch den hohen Blutdruck, Muskelschwäche durch den Kaliummangel).
Im Idealfall wird die betroffene Nebenniere nach abschliessender Diagnostik (Hormonbestimmung und Computertomographie) chirurgisch entfernt. Die Operation ist aber mit gewissen Risiken behaftet, da die Geschwulste in die grosse Körpervene einwachsen können und die Entfernung starke Blutungen verursachen kann.
Alternativ können Medikamente zur Kontrolle des Blutdrucks und Regulierung des Kaliumstoffwechsels eingesetzt werden - neben Kaliumpräparaten kommen hier v.A. Amlodipin als Blutdrucksenker und Spironolacton als Aldosteron-Antagonist zum Einsatz. Die Lebenserwartung solcher medikamentell therapierten Katzen liegt laut einer kleinen Studie zwischen 7 Monaten und 2 1/2 Jahren.
Nachtrag: Leider verschlechtert sich der Zustand von Smoky nur wenige Wochen nach der Diagnose, sie mag nicht mehr fressen, ist apathisch und erbricht häufig. Sie spricht auf die entsprechend eingeleitete Therapie nicht an, weshalb die Besitzerin sich dazu entscheidet, Smoky einzuschläfern.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet


