Wahrscheinliche Intoxikation mit einem Rattengift
CANDY, Europäische Kurzhaarkatze, weiblich, 2 Jahre alt
WARNUNG: FOTOS UND VIDEOS DIESES BEITRAGES ENTHALTEN BELASTENDE BILDER EINES KRAMPFANFALLES
Beamte der Kantonspolizei bringen uns eine junge, weibliche Katze im Notfalldienst. Die Beamten waren von einer Person alarmiert worden, welche die Katze im Garten seines Wohnortes beobachtet hatte - sie zeigte heftige Krampfanfälle und miaute stark.

Die Beamten zeigen uns ein Video des Finders. Das Tier zeigt eine deutliche Bewusstseinsstörung, krampft und schreit phasenweise stark.
Untersuchung
Die Untersuchung ist schwierig, weil das Tier auch in der Praxis Krampfanfälle sowie phasenweise einen Opisthotonus (Streckkrampf der Wirbelsäule und Verbiegen des Halses nach hinten) aufweist. Die Katze ist nicht ansprechbar oder stehfähig. Die Maulhöhle weiste eine bräunliche Farbe und Beläge auf - wahrscheinlich hat die Katze kurz zuvor erbrochen. Die Temperatur ist normal, das Tier trägt keinen Mikrochip.

Abklärungen
Da keine Vorgeschichte erhältlich ist, kommen verschiedene mögliche Ursachen wie massive Schmerzen (z.B. bei einer Rückenfraktur), ein stark erniedrigter Blutzuckerspiegel, eine Epilepsie oder Vergiftung in Frage.
Auch bei Findlingen ist es unsere Pflicht, dem Tier zu helfen, weshalb einige Abklärungen getroffen werden. Im Röntgen ist ersichtlich, dass die Wirbelsäule unbeschädigt ist; die Blutuntersuchung zeigt, dass der Blutzucker aufgrund des Krampfanfalles sogar stark erhöht ist. Nun kommt insbesondere eine Vergiftung mit einem Rattengift (Alpha-Chloralose) in Frage. Frisst eine Katze eine durch diese Substanz vergiftete Maus oder Ratte, entwickelt sie je nach Dosis entsprechende Symptome wie epileptische Anfälle und Bewusstseinstrübung bis hin zum Bewusstseinsverlust und Tod.
Die Katze erhält einen Venenkatheter, über welche Infusionslösung und krampflösende Mittel verabreicht werden. Das Tier beruhigt sich zusehends und kann nach 2 Stunden wieder selbständig den Kopf heben, bleibt aber stark übersensibel auf Reise wie Lärm und Licht. Wir veröffentlichen ausserdem eine Fundmeldung auf der Schweizerischen Tiermeldezentrale STMZ und unserem Facebook-Kanal.
Weiterer Verlauf
Nur kurze Zeit erhalten wir einen Anruf - die Katze hat eine Besitzerfamilie! Sie heisst Candy, ist 2 Jahre alt, lebt eigentlich in einer Wohnung ohne Freigang und trägt deshalb auch keinen Mikrochip. Vor 4 Wochen war Candy ausgebüxt und wurde seither nie mehr gesehen. Die Besitzer kommen in die Praxis und identifizieren das Tier eindeutig.
Am nächsten Morgen geht es Candy schon viel besser. Sie ist noch etwas wackelig auf den Beinen, ist aber deutlich weniger schreckhaft und zeigt einen sehr gesunden Appetit. Sie wird abends nach Hause entlassen und erholt sich in der Folge komplett.
Candy am nächstenMorgen
Wissenschaftliches
Chloralhydrat ist das erste für den Menschen entwickelte synthetische Schlafmittel. Es wurde früher zur kurzfristigen Behandlung von Einschlafstörungen verschrieben, zeigte aber eine Reihe von Nebenwirkungen und bewirkt körperliche Abhängigkeit. Beim Tier wurden Versuche als Narkosemittel durchgeführt; die extrem lange Wirksamkeit (Narkosen von 5-10 Stunden Dauer) und hohen Risiken von Narkosezwischenfällen führten aber dazu, dass das Präparat nie routinemässig eingesetzt wurde.
Stattdessen wurde eine chemische Verbindung von Chloralhydrat, die Alpha-Chloralose, in der Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Mit Alpha-Chloralose versetzte Köder (Körner und Pasten) werden von Kleinnagern (Mäuse und Ratten) gefressen, wonach eine schnell einsetzende Narkose, Auskühlung und Krampfanfälle folgen und die Nager sterben. Wird ein solches Tier von einer Katze oder Raubvogel gefressen, erleiden diese je nach Dosis ähnliche Symptome. Ein Gegenmittel existiert nicht, die Therapie besteht in Verabreichung von kreislaufstützenden Infusionen, Krampflösern und Wärme. Etwa 15% der Katzen mit Chloralose-Vergiftung sterben.
Candy hatte Glück - plötzlich bei der Futtersuche auf sich gestellt hatte sie wohl eine vergiftete Maus gefressen; durch die schnelle Hilfe der Privatperson und der Polizei und dem Umstand, dass die Giftdosis nicht übermässig gross war, überlebte sie die Vergiftung ohne Folgeschäden.
© Dres. med. vet. P. Müller und S. Seibold/ Lyssbachvet


