Nebennieren-Unterfunktion bei einem Hund

Dr. med. vet. P. Müller • January 1, 2009

SHIVA, West Highland White Terrier, weiblich kastriert, 1 Jahr alt


Shiva wird uns wegen vermindertem Allgemeinzustand, Zittern, reduziertem Appetit und zweimaligem Erbrechen vorgestellt. Der Besitzerin war auch aufgefallen, dass der Hund in letzter Zeit mehr als normal getrunken hat.


Untersuch und Verdachtsdiagnose

Der Untersuch verläuft weitgehend unauffällig. Der Hund zittert zwischenzeitlich am ganzen Körper, die Körpertemperatur ist aber normal.

Aufgrund des reduzierten Allgemeinzustandes wird eine Blutuntersuchung durchgeführt. Diese zeigt, dass bei „Shiva“ eine ganze Reihe von Blutwerten ausserhalb des Normalbereiches liegen: Das Blut weist einen erhöhten Gehalt an roten Blutkörperchen auf. Beide Nierenwerte sowie der Blutproteingehalt liegen leicht über dem Normalbereich; Phosphor-, Calcium- und Kaliumwerte sind erhöht und das Serum-Natrium ist erniedrigt.

Insbesondere der erniedrigte Natrium- und der erhöhten Kaliumwert weckt den Verdacht, dass möglicherweise eine Nebennierenunterfunktion die Ursache für die Veränderungen sein könnte. Die Erhöhungen der Werte der roten Blutkörperchen, des Blutproteins sowie der Nierenwerte sind wahrscheinlich durch eine Austrocknung des Körpers bedingt.


Diagnosestellung und Therapie

Ein sogenannter ACTH-Stimulationstest wird durchgeführt (siehe unten). Der Hund wird an eine intravenöse Tropfinfusion mit einer Kochsalzlösung gehängt. Da die Veränderungen sehr verdächtig für eine Nebennierenunterfunktion sind, wird nach Abschluss des ACTH-Testes Cortison injiziert. Schon wenige Stunden nach Beginn der Tropfinfusion und der Cortisoninjektion geht es „Shiva“ viel besser. Am nächsten Tag treffen die Resultate des Stimulationstestes ein, welche bestätigen, dass Shiva an einer Nebennierenunterfunktion (Addison’s Disease) leidet. Eine neuerliche Untersuchung des Blutes zeigt, dass alle veränderten Blutwerte nach der Infusion und den Cortisoninjektionen wieder im Normalbereich liegen. Der Hund zeigt auch wieder Appetit und zittert nicht mehr.

Shiva erhält nun Medikamente, welche die fehlenden Hormone ersetzen. Sie wird beide bis an das Ende ihres Lebens einnehmen müssen; unter diesen Umständen ist die Prognose aber exzellent und Shiva wird aller Voraussicht nach ein normales Leben führen können.


Wissenschaftliches

Nebennierenunterfunktion (Addison’s Disease) ist eine seltene hormonelle Erkrankung bei Hunden (und, noch seltener, bei Katzen). Die Nebennieren liegen in der Bauchhöhle oberhalb der Nieren und bestehen aus einem Mark und einer Rinde. Das Mark produziert Adrenalin, dessen Ausschüttung direkt von Nervenzellen gesteuert wird. Die Rinde besteht aus drei Schichten und produziert Aldosteron (ein Hormon, das den Wasser- und Elektrolythaushalt reguliert), Cortisol (ein Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird) sowie Sexualhormone. Die Nebennierenrinden-Hormone werden durch Steuerungshormone, welche in der Hirnanhangsdrüse gebildet werden, kontrolliert.

Eine Nebennierenunterfunktion kann entweder durch ein Mangel an Steuerungshormonen (selten) oder aber eine mangelnde Bildung der Rindenhormone in der Nebenniere entstehen. In vielen Fällen ist der Grund für eine solche mangelhafte Produktion nicht eruierbar. Häufig fällt die Produktion sowohl von Aldosteron als auch von Cortisol aus, und der Hund zeigt entsprechende Symptome (Störungen des Elektrolythaushaltes, Erbrechen/Durchfall, mangelhafte Kondition und Appetit). Wird die Krankheit nicht erkannt, kann sie zu einem Kreislaufkollaps und dem Tod des Tieres führen.

Ist der Verdacht eines Addison’s einmal geweckt, kann die Diagnose relativ einfach gestellt werden: Es wird ein ACTH-Stimulationstest durchgeführt. ACTH (Adrenocorticotropin) ist das Steuerungshormon von Cortisol. Wird ACTH einem Tier injiziert, so steigt der Cortisolspiegel im Blut innerhalb einer Stunde stark an. Bei einer Nebennieren-Insuffizienz erfolgt dieser Anstieg nicht; das Tier hat vor und nach der Injektion denselben tiefen Cortisolspiegel.

Wichtig ist, dass dieser Test vor der Injektion eines Cortisons durch den Tierarzt erfolgt - ein ACTH-Stimulationstest ist sonst nicht aussagekräftig.

© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet

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