Organophosphat-Kontamination
TIGER, Hauskatze, männlich-kastriert, 7 Monate alt
Die Besitzerin hat einen stechenden Geruch bemerkt und festgestellt, dass eine Glasflasche mit Pflanzenschutzmittel aus dem Regal gefallen und am Boden zerschellt ist. Kurz darauf stellt sie fest, dass "Tiger" einen von den Chemikalien benetzten Bauch aufweist und sich intensiv putzt.
Geistesgegenwärtig stellt die Besitzerin die Katze unter die Dusche, shampooniert sie, und bringt sie anschliessend als Notfall in die Praxis.

Untersuchung und weiteres Vorgehen
Die Katze ist noch etwas feucht und zittert; die Körpertemperatur ist mit knapp 37 °C denn auch etwas erniedrigt. Glücklicherweise zeigt "Tiger" ansonsten aber keine Anzeichen einer Vergiftung und riecht aufgrund der vorausgehenden Dusche auch nicht mehr stark nach dem Pflanzenschutzmittel.
Da es sich beim betreffenden Pflanzenschutzmittel (Alaxon D) um ein Präparat handelt, dass schwere Probleme auslösen kann, wird trotz des guten Allgemeinzustandes eine erweiterte Toxinbekämpfung durchgeführt.
"Tiger" wird ein zweites Mal mit einem milden Tiershampoo gründlich geduscht, frottiert und geföhnt. Diese Prozedur lässt die Katze erstaunlicherweise geduldig über sich ergehen - normalerweise ist das Wasser nämlich ein eher ungeliebtes Element. Anschliessend wird ein Venenkatheter gelegt und eine Infusion verabreicht, um durch Anregung der Nierentätigkeit eine gesteigerte Ausscheidung von schon aufgenommenen Chemikalien zu erreichen. Schliesslich wird der Katze noch Aktivkohle in flüssiger Form verabreicht - dieses Medikament bindet im Magen-Darmtrakt allenfalls oral aufgenommene Chemikalien und macht sie unschädlich.
Die Katze wird tagsüber in der Praxis beobachtet, zeigt einen guten Appetit und ein ungestörtes Allgemeinbefinden und wird deshalb abends nach Hause entlassen. Die Besitzerin meldet keine Spätfolgen des Abenteuers...

Wissenschaftliches
Neben dem Sehnerv, welcher Informationen vom Auge an das Hirn weiterleitet, wird das Auge von einer Reihe anderer Nerven versorgt. Diese haben unter anderem die Steuerung der Augenbewegung, der Pupille und der Tränendrüse als Aufgabe. Neben Nervenanteilen des sogenannt "somatischen Nervensystems", welche bewusste Vorgänge vermitteln (beispielsweise das Verfolgen eines bewegten Gegenstandes mit dem Auge), sind auch Nervenanteile des "vegetativen Nervensystemes" an der Augeninnervation beteiligt. Dieser Anteil ist nicht willentlich beeinflussbar und steuert beispielsweise die Pupillengrösse.
Einer dieser Anteile ist der sogenannte Sympathikus. Die Anteile dieses Systems, welche unter anderem auch das Auge versorgen, weisen einen sonderbaren anatomischen Bau auf: Die Nervenbahn entspringt im Hirn und Rückenmark. Aus dem Rückenmark in der vordersten Brustwirbelregion entspringt ein Nerv, der ausserhalb der Wirbelsäule den Hals entlang Richtung Kopf läuft. Hier treten Anteile dieses Nerves wieder in den Schädel ein, verlaufen durch das luftgefüllte Mittelohr und treten durch feine Öffnungen im Schädel an das Auge und seine Muskeln heran.

© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet



