Komplizierter Krallenabriss
Ciaran, Deutscher Schäferhund, männlich kastriert, 8 Jahre alt
Ciaran wird uns vorgestellt, weil er sich an der rechten Hinterpfote verletzt hat. Die 5. Zehe ("kleiner Zeh") blutet immer wieder und scheint schmerzhaft.
Beim Untersuch scheint die Kralle stabil verankert und die Zehe ansonsten unversehrt, das Krallenbett ist aber gerötet und blutet bei Manipulation. Vorerst wird versucht, das Problem mit Pfotenbädern, Schmerzmitteln und Antibiotika zu bekämpfen.
Leider bessert sich die Schmerzhaftigkeit aber nicht, und die Besitzerin besucht uns erneut, weil sich am Krallenbett ein Knötchen gebildet hat.
Erneuter Untersuch
Nach Ausscheren der Zehe ist ersichtlich, dass sich zwischen Krallenbett und Kralle ein rötliches Gewebe gebildet hat. Dieses Granulationsgewebe ist ein starker Hinweis darauf, dass sich die Kralle von der Zehe gelöst hat. Im Wachzustand scheint die Kralle zwar nicht lose, aufgrund der Schmerzhaftigkeit lässt sich das Problem aber nicht abschliessend beurteilen.

Therapie
In eine Kurznarkose scheren wir die Zehe aus und manipulieren die Kralle kräftig - sie ist ganz eindeutig nicht mehr korrekt mit der Zehe verbunden. Unter kurzem, starken Zug wird sie entsprechend entfernt. Wir staunen nicht schlecht, als anschliessend nicht nur das Horn der Kralle, sondern offenbar ein grösserer Teil des letzten Zehengliedes fehlt. Im Röntgen wird dann das ganze Ausmass des Problems ersichtlich: Ciaran hat sich nicht nur die Kralle, sondern gleich einen Teil des letzten Zehengliedes inklusive eines Stückchens Knochen angerissen!
Dieser störende Teil wurde nun entfernt; nun muss der Krallenabriss heilen.


Weiterer Verlauf

Da es sich um einen eigentlichen Knochenbruch handelt, heilt der Schaden nur langsam. Unter Einsatz von Antibiotika, Schmerzmitteln, Verbänden und Wundpflege durch die Besitzerin ist bei einer Kontrolle 3 Wochen später die Wunde aber praktisch verheilt. Zu unserer Überraschung beginnt der Körper sogar, neues Horn zu bilden; drei Monate nach Unfall ist trotz fehlendem Knochenteil eine neue, etwas schräg ausgebildete Kralle nachgewachsen.
Wissenschaftliches
Krallenanrisse bei Hund sind ein häufiges Problem. Verkeilt sich die Kralle am Boden oder an einem Gegenstand (berüchtigt sind hier insbesondere die im Boden eingelassenen Führungssschienen von Balkontüren), wird meist das Horn der Kralle vom unterliegenden Krallenbett weggerissen. Hängt die Kralle teilweise noch am unterliegenden Gewebe fest und ist nicht komplett abgerissen, muss das gesamte Horn entfernt werden um einem chronischen Infekt vorzubeugen und die Bildung einer neuen Kralle zu ermöglichen. Nach Entfernung des Horns sind meist ausser Schmerzmittel, Wundpflege und Schutz vor Belecken keine Medikamente nötig.
Ciaran hatte das Pech, dass er sich nicht nur den Hornmantel der Kralle, sondern gleich ein Stück des 3. Zehengliedes angerissen hatte. Dadurch schien die Kralle bei der ersten Untersuchung immer noch stabil, und erst, als durch die chronische Entzündung ein Granulationsgewebe gebildet wurde, wuchs der Verdacht eines Krallenanrisses.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet


