Magenfremdkörper bei einem Hund
BENTLEY, Airedale Terrier, männlich, 1 Jahr alt
Anfangs September besuchen uns die Besitzer von Bentley notfallmässig. Sie haben beobachtet, dass der Hund den Deckel einer PET-Flasche verschluckt hat.
Untersuchung und Behandlung
Der allgemeine Untersuch von Bentley ist unauffällig. Wir fertigen Röntgenaufnahmen des Bauches an; dabei schieben wir bei der Aufnahme einen PET-Flaschen-Deckel unter den Körper, damit ein Vergleich von Grösse, Form und Röntgendichte zu einem allenfalls verschluckten Deckel möglich ist. Der untergeschobene Deckel ist sehr gut erkennbar; im Bereich des Magens lässt sich aber ein ähnliches Objekt nicht wirklich dokumentieren. Allerdings enthält der Magen Futter und/oder Wasser, in welchem sich ein Plasticstück verstecken könnte und so im Röntgen nicht erkennbar wäre.
Da die Besitzer sicher sind, dass der Hund den Deckel verschluckt hat, verabreichen wir Bentley ein Medikament, das bewirkt, dass er wohl ein Dutzend Mal erbricht. Zuerst finden wir Futter, und am Schluss nur noch etwas galligen Schleim im Erbrochenen - nicht aber einen Fremdkörper.
Könnte es sein, dass der Hund den Deckel doch wieder fallengelassen hat und er irgendwo in der Wohnung der Besitzer liegt? Wenn das Objekt problemlos abgeschluckt worden ist, sollte es doch eigentlich bei diesem mehrfachen Erbrechen wieder ausgeschieden werden?
Wir entlassen den Hund, und die Besitzer machen sich zu Hause auf die Suche nach dem verschollenen Deckel.

Weiterer Verlauf
Vier Wochen später kontaktieren uns die Besitzer erneut. Seit dem letzten Besuch hat der Hund in ca 3/4 der Nächte etwas Schleim erbrochen; tagsüber geht es dem Hund gut, und das gefressene Futter wird nicht erbrochen. Könnte es sein, dass sich im Magen tatsächlich immer noch ein Fremdkörper befindet, oder hat das Erbrechen andere Ursachen? Normalerweise wird bei chronischem Erbrechen schrittweise vorgegangen (Blutuntersuchungen, Bildgebung, und erst zuletzt die eher kostenintensive und unter Narkose durchzuführende Magen/Darmspiegelung).
Allerdings kennen wir die Vorgeschichte von Bentley, weshalb wir uns in diesem Fall direkt zu einer Magenspiegelung entschliessen.
Magenspiegelung
Wir narkotisieren Bentley und schieben einen flexiblen Schlauch mit einer Kamerachip an der Spitze durch die Speiseröhre in den Magen vor. Der Magen enthält insbesondere im Bereich des Magenausgangs viel Schaum, was die Übersicht einschränkt. Wir lagern Bentley von der Bauch- in die Seitenlage und dann wieder in die Bauchlage um. Nun ist sofort zu sehen, dass sich unmittelbar vor dem Magenausgang tatsächlich ein blaues Objekt befindet: Der verschollene Flaschendeckel!
Es gelingt nach einigen erfolglosen Anläufen, den Fremdkörper mit einer flexiblen Zange zu packen und vorsichtig durch den Magenausgang und die Speiseröhre zu entfernen. Anschliessend untersuchen wir Speiseröhre und Magen erneut, um eine allfällige Beschädigung durch die scharfen Kanten des zerkauten Deckels zu erkennen. Die Pylorusregion (Magenausgang) zeigt Spuren des dort gelegenen Fremdkörpers; die blutigen Striemen sind aber nur oberflächlich und sollten problemlos heilen. Der Mageneingang und die Speiseröhre sind unversehrt.
Nachdem Bentley aus der Narkose erwacht ist, entlassen wir ihn mit einem Medikament zur Senkung der Magensäure nach Hause - so sollte die irritierte Schleimhaut problemlos abheilen.
Wissenschaftliches
Fremdkörper sind gerade bei jungen Hunden ein häufiges Problem. Wird ein Fremdkörper abgeschluckt, kann dieser zu akuten schweren Problemen führen, wenn er sich in den Darm bewegt, dort verklemmt wird und einen Darmverschluss bewirkt. In diesem Fall bleibt nur noch eine rettende Bauchchirurgie.
Wird das Abschlucken eines Fremdkörpers von den Besitzern beobachtet, ist die Lösung meist einfach: Wir injizieren ein Medikament, welches mehrfaches Erbrechen bewirkt, und in den allermeisten Fällen kommt das Objekt so wieder ans Tageslicht, ohne Probleme zu provozieren.
Dass der Deckel trotz mehrfachem Erbrechen beim ersten Besuch in der Praxis sowie in den folgenden Wochen nicht auf natürlichem Wege ans Tageslicht gekommen ist, obwohl er problemlos abgeschluckt werden konnte, ist sehr unüblich.
Eine akute Gefährdung im Sinne eines Darmverschlusses war bei Bentley nicht vorhanden, weil das Objekt viel zu gross war, um in den Dünndarm zu gelangen.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet



