FINDELKATZE, Hauskatze, weiblich-kastriert, jung-erwachsen

Einer unserer Kunden hat an seinem Wohnort eine Katze bemerkt, welche in einem gekippten Kellerfenster feststeckt. Da er nicht mobil ist, holt eine unserer Praxisassistentinnen das junge Tier zur Untersuchung und Behandlung in die Praxis.

Findelkatze, weiblich kastriert

Untersuch und Diagnostik

Der Allgemeinzustand der jungen Kätzin ist deutlich reduziert - sie ist apathisch, hat Untertemperatur und zeigt Zeichen von Kreislaufschock. Beide Hinterbeine erscheinen gelähmt, die Katze schleppt sich nur mit den Vorderbeinen vorwärts. Entsprechend sind auch die Reflexe der Hinterbeine nicht mehr auszulösen; einzig der sogenannte Tiefenschmerz ist noch vorhanden: Kneift man das Tier mit einer Klemme in den Zeh, versucht es, die Pfote zurückzuziehen. Positiv ist zu vermerken, dass der After-Schliessmuskel eine normale Kraft entwickeln kann, der Blasenschliessmuskel zu funktionieren scheint und die Blase ausser einer leichten Einblutung intakt ist. Ein Blutuntersuch zeigt Veränderungen, welche durch Gewebequetschungen entstehen können.

Wir setzen eine Fundmeldung auf der Website der Tiermeldezentrale (www.stmz.ch) ab und starten einen Aufruf über den Facebookkanal der Praxis. Ausserdem werden Plakate am Fundort ausgehängt und das lokale Tierheim informiert und wir hoffen, dass sich bald eine Besitzerschaft bei uns meldet.

Therapie

Die Katze wird hospitalisiert; ein Venenkatheter für eine kreislaufstützende Infusion gelegt, Schmerzmittel verabreicht und Wärmekissen und eine Rotlichtquelle im Käfig platziert. Abends geht es der Katze schon etwas besser, und am nächsten Morgen stellen wir erfreut fest, dass sie ein bisschen gefressen hat.

Gang 2 Tage nach Unfall

Weiterer Verlauf

Täglich scheint es der Katze etwas besser zu gehen. Nach einer Woche belastet sie das rechte Hinterbein schon wieder praktisch normal; auf rutschigem Untergrund kann das linke Hinterbein aber noch nicht richtig gebraucht werden. Es ist davon auszugehen, dass sich die Katze komplett von ihrem Unfall erholen wird.

Gang nach einer Woche

Wissenschaftliches: Kippfenstersyndrom

Nicht-Katzenhaltern ist das sogenannte "Kippfenstersyndrom" verständlicherweise meist unbekannt. Das Kippen von Fenstern zu Lüftungszwecken kann für Katzen eine fatale Falle darstellen. Die Tiere zwängen sich durch den Spalt, bleiben dann darin festgeklemmt und können sich nicht mehr befreien. Durch den Druck wird die Blutversorgung in die Hinterbeine beeinträchtigt sowie Nerven und Bauchorgane gequetscht. Wird eine Katze aus ihrer misslichen Lage nicht befreit, zB weil die Hausbesitzer abwesend sind, stirbt sie qualvoll. Je nach Dauer des Traumas zeigt die Katze unterschiedlich stark ausgeprägte Symptome. Ist das Tier gelähmt, ist Geduld gefragt, weil sich die Erholung über Wochen hinziehen kann, wobei natürlich zu Beginn nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob es sich wieder ganz erholen wird. Die Problematik kann verhindert werden, indem das Kippen von Fenster unterlassen wird oder ein entsprechendes Schutzgitter montiert wird.

Foto mit freundlicher Genehmigung der Berufstierrettung Rhein-Neckar (D)
Foto mit freundlicher Genehmigung der Berufstierrettung Rhein-Neckar (D)
Kippfenster-Schutzgitter (Foto mit freundlicher Genehmigung von www.qualipet.ch)
Kippfenster-Schutzgitter (Foto mit freundlicher Genehmigung von www.qualipet.ch)

Zur Problemstellung "Findelkatze"

Auch beim hier beschriebene Fall wäre ein implantierter Mikrochip eine unermessliche Hilfe gewesen. Zu Beginn waren wir sehr zuversichtlich, dass sich für die gut genährte, gepflegte und kastrierte Kätzin nach Bespielung aller möglichen Kanäle (Schweizerische Tiermeldezentrale, Facebookkanal der Praxis, Meldung an das örtliche Tierheim, Plakate vor Ort) schnell ein Besitzer finden würde, der das Tier vermisst. Leider ist dies aber bis heute nicht der Fall gewesen, weshalb wir das Tier an einen neuen Platz vermittelten. Nach Gesetz ist die neue Halterschaft während 2 Monaten zur Rückgabe des Tieres verpflichet, falls sich in dieser Zeit doch noch ein Besitzer meldet. Die Kosten der Behandlung wurden auch bei diesem Findeltier durch die Praxis und das Praxis-Spendenkonto (Postfinance, IBAN CH62 0900 0000 3129 5236 1) getragen. Vielen Dank für jeden noch so kleinen Beitrag!

Nachtrag: 1 Monat nach dem Unfall

Einen Monat nach dem Unfall hat sich die Patientin gut an ihrem neuen Wohnort eingelebt. Bis auf eine leichte Entlastung des linken Hinterbeins läuft die Katze normal, sie kann sogar wieder auf den Katzenbaum springen.

© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet

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