LEO, British Shorthair, männlich-kastriert, 11 Jahre alt

Seit einiger Zeit verliert der zuvor stattliche Kater Gewicht, obwohl er grosse Mengen an Futter konsumiert. Das Fell ist zunehmend struppig; der Kot voluminös, eher dunkel und gegen Ende des Kotballens etwas weich.

Leo vor der Diagnose
Leo vor der Diagnose

Untersuch und erste Diagnostik

Bei der Erstuntersuchung stellen wir fest, dass der Kater seit dem letzten Besuch vor 1 1/2 Jahren etwa 500 Gramm Gewicht verloren hat. Sein Fell ist struppig, neben dem Verlust von Fett- und Muskelgewebe sind aber keine anderen Abnormitäten feststellbar. Die Symptomenpalette passt gut zu einer bei älteren Katzen häufig festzustellenden Problematik einer Schilddrüsenüberfunktion. Entsprechend entnehmen wir Leo Blut und bestimmen sämtliche Routinewerte (rotes und weisses Blutbild, ein Chemie-Screen sowie den Schilddrüsenhormon-Spiegel). Überraschenderweise findet sich neben etwas erhöhten Entzündungseiweissen aber kein Hinweis auf eine Schilddrüsenüberfunktion, der T4-Wert von Leo ist normal. Trotz Entwurmung verliert der Kater in der Folge weiter Gewicht und zeigt nun auch vermehrtes Erbrechen sowie grosse Mengen an breiigem Kot, so dass eine weitere Serie an Untersuchungen durchgeführt wird.

Erweiterte Diagnostik und Diagnosestellung

Wir bestellen Leo nochmals zu einem Nüchterntermin in die Praxis. Im Röntgen sind grosse Mengen Gas im Darm zu erkennen, was zum breiigen Kot passen würde, aber keine präziseren Aufschlüsse über die Ursache liefert. Im Ultraschall finden sich keinerlei nennenswerte Veränderungen. Wir entnehmen ein weiteres Mal Blut und lassen zur Sicherheit nochmals im externen Labor das Schilddrüsenhormon sowie zusätzlich den sogenannten TLI-Wert (Trypsin-like Immunoreactivity) bestimmen. Dieser Wert macht eine Aussage über die Fähigkeit der Bauchspeicheldrüse, Verdauungssäfte zu produzieren. Nun werden wir endlich fündig: Der Schilddrüsenhormonwert ist diesmal sogar eher etwas tiefer als die Norm; der TLI-Wert aber ist so tief, dass er unter dem Labor-Detektionslimit von 1.0 Mikrogramm pro Liter liegt - normalerweise bewegt sich der Wert zwischen 12 und 82 Mikrogramm pro Liter. Ganz offensichtlich leidet Leo an einer Bauchspeicheldrüsenunterfunktion, was sowohl den Gewichtsverlust und den unersättliche Appetit als auch den breiigen Kot erklärt.

Labor Leo

Therapie und weiterer Verlauf

Leo erhält in der Folge einen Futtermittelzusatz, welcher aus getrocknetem Schweine-Bauchspeicheldrüsengewebe besteht. Schon bald verbessert sich der Kot der Katze, Leo nimmt wieder Gewicht zu und zeigt ein schöneres Fell. Da Tiere mit Bauchspeicheldrüsen-Unterfunktion häufig auch einen Mangel an Vitamin B12 zeigen, erhält Leo ausserdem ein entsprechendes Vitaminpräparat. Geplant ist in Kürze, den tatsächlichen Blutwert des Vitamins unter Therapie zu messen. Die Katze wird für den Rest des Lebens das Bauchspeicheldrüsen-Ersatzpulver einnehmen müssen, da sich die Funktion der Bauchspeicheldrüse nicht mehr erholen wird. In aller Regel ist so aber ein normales Leben bei normaler Lebenserwartung möglich.

Wissenschaftliches

Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) ist ein bumerangförmiges Organ, welches mit dem obersten Teil des Dünndarms vergesellschaftet ist. Die Drüse produziert einerseits das Hormon Insulin, welches in den Blutstrom abgegeben wird und den Blutzucker reguliert. Andererseits produziert sie Verdauungssäfte, welche in den oberen Dünndarm geleitet werden und dort die Nahrungsbestandteile so aufspalten, dass die Darmschleimhaut sie aufnehmen kann. Produziert die Drüse nicht mehr genügend Verdauungssäfte, kann die aufgenommene Nahrung nicht mehr korrekt verdaut werden. Folgen sind im klassischen Fall ein voluminöser, eher dünner Kot; eine Gewichtsabnahme und ein gesteigerter Appetit. Während die Problematik beim Hund doch ab und zu vorkommt (insbesondere z.B. beim Deutschen Schäferhund) und man als Tierarzt deshalb darauf sensibilisiert ist, ist die Krankheit bei der Katze selten. Möglicherweise wurde das Problem in der Vergangenheit bei der Katze allerdings auch unterdiagnostiziert, weil der entsprechende Test (TLI) bei dieser Tierart erst mit einer Studie im Jahr 2000 als zuverlässig dokumentiert worden ist und die Krankheit bei der Katze schwierig zu erkennen sein kann, weil insbesondere der Kot häufig nicht dem typischen Bild einer Unterfunktion beim Hund (grosse Mengen fettiger, stark riechender Kot und Durchfall) entspricht. Im Einzelfall ist die Ursache der Unterfunktion nicht nachweisbar; wahrscheinlich ist, dass bei der Katze eine Entzündung des Pankreas zum Verlust des Drüsengewebes führt. Im Ultraschall kann allenfalls ein vermindertes Volumen des Pankreas dokumentiert werden; Aufschluss über die Funktionstüchtigkeit des Organs liefert aber insbesondere der TLI-Wert im Blut. Der in der zweiten Blutuntersuchung etwas erniedrigte Schilddrüsenwert kam bei Leo wahrscheinlich aufgrund des "euthyroid sick"-Syndroms zustande: Beschäftigt sich der Körper mit irgendeinem schwerwiegenden Problem, kann der Schilddrüsenhormonspiegel unter den Normalbereich sinken.

Leo nach Beginn der Therapie
Leo nach Beginn der Therapie
Copyright: Tamara Rees / VIN 2014
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