Epilepsie

1. Definitionen

 Der Begriff „Epilepsie“ stammt aus dem Altgriechischen (Anfall, Übergriff) und wird für ein Krankheitsbild verwendet, welches mit Krampfanfällen, unwillkürlichen Stereotypien und/oder Verhaltens- und Bewusstseinsstörungen einhergeht. Das Bild eines Anfalls kann von Tier zu Tier und von Anfall zu Anfall unterschiedlich sein – klassisch ist ein „Grand Mal“ Anfall mit Bewusstseinsverlust und generalisierten Krämpfen, es sind aber auch Zittern einzelner Gliedmassen, der Ohren oder ausschliesslich ein abnormales Verhalten möglich.

 Beim Menschen wird Epilepsie vor allem aufgrund der Lokalisation der krampferzeugenden Nervenzellgruppen im Hirn kategorisiert (z.B. „Schläfenlappenepilepsie“). Beim Tier wird die Epilepsie in „intracranial“ (die Ursache der Anfälle liegt im Gehirn selbst) bzw. „extracranial“ (die Ursache der Anfälle liegt ausserhalb des Gehirns) aufgeteilt. Extracranial bedingte epileptische Anfälle können zum Beispiel durch einen sehr niedrigen Blutzucker, Verschiebungen im Elektrolythaushalt oder schwere Nierenerkrankungen ausgelöst werden. Intracraniale Epilepsieformen werden weiter in „symptomatische“ Formen (im Hirn ist eine anatomische Veränderung zu finden, welche die Anfälle auslöst – z.B. ein Tumor oder eine Missbildung) und die „idiopathische“ Form (es ist keine anatomische Veränderung vorhanden) aufgeteilt. Die idiopathische Epilepsie ist die häufigste Epilepsieform bei Hund und Katze. Die ersten Krampfanfälle bei idiopathischer Epilepsie erfolgen meistens im Alter von 1-3 Jahren.

 

2. Ursachen

 Die Ursachen der idiopathischen Epilepsie sind unklar. Einzelne Hirnzellen oder Hirnzellgruppen entladen sich bei einem Anfall unkontrolliert und aktivieren dabei lawinenartig auch umliegende Zellen. Je nach Lokalisation der krampferzeugenden Hirnzellen werden nur einzelne Muskeln, einzelne Gliedmassen oder aber der ganze Körper (mit oder ohne Bewusstseinsverlust) krampfartig aktiviert. Man spricht in diesen Fällen von „fokalen“ respektive „generalisierten“ Krampfanfällen.

Es ist bekannt, dass idiopathische Epilepsie bei gewissen Rassen (z.B. Deutscher Schäferhund, Tervuren, Golden Retriever) vererbt werden kann.

 

3. Folgen

 Die Krampfanfälle sind eine Belastung für den Körper. Überhitzung, Herzrhythmusstörungen und Lungen- und Hirnödeme können als Komplikationen eines langdauernden Anfalles (Status Epilepticus) schwere Probleme auslösen. Jeder Anfall kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Anfallshäufigkeit zunimmt – deshalb sollten nach bestimmten Richtlinien antiepileptische Medikamente frühzeitig eingesetzt werden.

 

 4. Abklärungen

 Ein erstmaliger epileptischer Anfall macht vorerst meist noch keine medizinische Abklärung notwendig. Erfolgt innerhalb einer kürzeren Frist (Wochen bis Monate) ein weiterer Anfall, ist ein Tierarztbesuch sinnvoll. Hierbei wird das Tier neurologisch untersucht um Ausfälle oder Defizite der Nervensystemfunktion ausfindig zu machen. Eine Blutuntersuchung (mit oder ohne Leberfunktionstests) wird meistens durchgeführt um Ursachen ausserhalb des Nervensystems zu evaluieren. Je nach Situation kann auch eine Untersuchung von Rückenmarksflüssigkeit oder eine Magnetresonanz- oder Computertomographie-Untersuchung notwendig sein.

 

5. Therapie

Dauert der Krampfanfall lange oder reiht sich ein Anfall ohne Pause an den nächsten (Status Epilepticus), ist eine Notfallbehandlung angezeigt. Kann nicht sofort ein Tierarzt aufgesucht werden, können krampflösende Mittel (Valium) auch durch den Tierbesitzer rektal verabreicht werden.

Wird anlässlich der Abklärung eine unterliegende Ursache der Epilepsie entdeckt, wird diese nach Möglichkeit therapiert. Wird eine idiopathische Epilepsie diagnostiziert, wird je nach Häufigkeit und Schweregrad der Anfälle eine medikamentelle Therapie begonnen. Zu Beginn wird vor allem Phenobarbital (ein Schlafmittel) oder Kaliumbromid eingesetzt. Beide Medikamente erhöhen die Erregungsschwelle der Nervenzellen, so dass diese sich weniger einfach selbständig und unkontrolliert entladen und einen Anfall provozieren können.

Da beide Medikamente eine lange sogenannte „Halbwertszeit“ haben, dauert es einige Zeit, bis die Medikamentenspiegel im Blut ein konstantes und therapeutisches Niveau erreicht haben: Im Falle von Phenobarbital wird nach ca. 2-3 Wochen, bei Kaliumbromid nach ca. 2 Monaten eine Blutentnahme durchgeführt, um den Blutspiegel der Antiepileptika zu bestimmen.

Manche Tiere zeigen zu Beginn der Therapie Schläfrigkeit und reduzierte Bewegungslust. Dies legt sich meistens nach einer gewissen Zeit, kann aber andernfalls das Absetzen der Therapie und/oder einen Medikamentenwechsel notwendig machen. Weitere Nebenwirkungen sind bei der Verwendung von Phenobarbital selten; Leberschäden können vereinzelt auftreten, sind jedoch glücklicherweise sehr selten. Kaliumbromidtherapie kann vermehrte Trinklust, Verstopfung und Brechdurchfall als Nebenwirkungen provozieren.

In 70-78% der Fälle können die Krämpfe medikamentell unterdrückt oder auf ein erträgliches Mass verringert werden. Ist dies nicht der Fall und ist eine Dosiserhöhung der Medikamente nicht mehr möglich, können andere Medikamente zum Einsatz kommen. Diese neueren Präparate sind für grössere Hunde finanziell sehr aufwendig. Alternativ kann auch eine Akupunkturtherapie oder osteopathische Behandlung eine Verbesserung der Symptomatik bewirken.