BABETTE, Hauskatze, weiblich, 8 Monate alt

Babette stammt vom Bauernhof. Die neue Besitzerin hat bemerkt, dass die Milchdrüsen der Katze in den letzten 2 Wochen stark angeschwollen sind. In der Zwischenzeit frisst die Katze auch eher schlecht, scheint sonst aber sehr munter.

Untersuch

Die junge Katze zeigt am Unterbauch eine gewaltige Vergrösserung praktisch aller Milchdrüsenkomplexe. Insbesondere die hintersten 4 Milchdrüsen sind derb geschwollen und etwas warm, die Haut ist etwas gerötet; die Veränderung scheint aber keine grösseren Schmerzen zu verursachen. Die Körpertemperatur ist normal; ein kurzer Ultraschall des Bauches zeigt, dass die Katze mit einem einzelnen Welpen trächtig ist. Ausserdem findet sich in der Gebärmutter eine weitere kleine Fruchtblase, welche aber keinen Fötus enthält. Die Trächtigkeit wird auf ca 4 Wochen geschätzt.

Bei der Veränderung der Brustdrüsen handelt es sich offensichtlich um eine Fibroadenomatose der Milchdrüsen (oder auch Fibroepitheliale Hyperplasie); als Differentialdiagnose scheint eine Mastitis (ein bakterieller Infekt der Milchdrüsen) wegen fehlendem Ausfluss aus den Drüsen, dem fehlenden Fieber und dem Umstand, dass die Katze mangels Geburt noch keine Milch produziert hat, sehr unwahrscheinlich.

Therapie und weiterer Verlauf

Bei der Fibroadenomatose handelt es sich um eine massive Überentwicklung der Brustdrüsen unter dem Einfluss des Trächtigkeitshormones Progesteron. Um die Drüsen abheilen zu lassen, muss die Progesteronproduktion durch die Eierstöcke so schnell als möglich unterbunden werden - entweder indem die Katze kastriert wird, oder aber, indem ein Medikament zur Blockierung des Hormons gespritzt wird. Letztere Methode führt aber unweigerlich zum Abort, was in Babette's Fall als risikoreicher als die Operation angesehen wird. So oder so muss das Leben des ungeborenen Welpen geopfert werden, um die Krankheit der Mutter in den Griff zu bekommen.

Babette wird also am nächsten Tag kastriert - kein einfaches Unterfangen, da durch die riesigen Milchdrüsen der Zugang zur Bauchhöhle stark erschwert wird und die Katze im Lauf der Kastration eine gewisse Menge Blut verliert. Trotz allem übersteht die Katze die OP gut, und schon zwei Tage später ist ersichtlich, dass sich die Grösse der Milchdrüsen reduziert hat und die Drüsen nicht mehr ganz so prall-hart sind.

Weiterer Verlauf II

Nach dreizehn Tagen werden die Fäden gezogen - die Brustdrüsenkomplexe sind schon stark abgeschwollen und weicher. Leider ist allerdings ersichtlich, dass im hintersten Wunddrittel die Haut nicht korrekt verheilt ist und etwas Sekret bildet. Auch ist in der Wunde farblich abnormales, graubraunes Gewebe ersichtlich.

Die Katze wird erneut narkotisiert und die frisch verheilte Wunde nochmals geöffnet und aufgefrischt: Es zeigt sich, dass ein etwa baumnussgrosses Stück Drüsengewebe der hintersten, rechten Milchdrüse graubraun verfärbt ist und Sekret bildet. Das restliche Gewebe in der Wunde sieht schön aus. Offensichtlich ist es durch den hohen Druck in der Milchdrüse zu einem Absterben von Drüsengewebe (oder einem lokalen Infekt) gekommen. Die Wunde wird L-förmig verlängert und das gesamte veränderte Gewebe entfernt. 2 Drains werden in die Wunde gelegt, damit sich neu bildende Wundflüssigkeit aus der Wunde austreten kann. Babette wird mit Schmerzmittel und einem weiteren Antibiotikum versorgt. Die Wunden werden täglich gereinigt, die Drainage für eine knappe Woche belassen.

Weiterer Verlauf III

Als die Drainage und die Fäden gezogen werden, ist die Wunde zwar schön verheilt, allerdings sind die Drüsenkomplexe erneut deutlich stärker geschwollen.
Nach Rücksprache mit einer Gynäkologin wird nun zusätzlich dreimalig ein Medikament injiziert, welches als Antagonist ("Gegenmittel") von Progesteron am Milchdrüsengewebe wirkt. Erst jetzt verkleinern sich die Drüsen definitiv: Einige Wochen später ist von der Brustdrüsenvergrösserung nichts mehr zu sehen.

Wissenschaftliches

Die Milchdrüsen-Fibroadenomatose bei der Katze ist eine Krankheit, welche auf einer übermässigen Reaktion des Drüsengewebes auf das Trächtigkeitshormon Progesteron basiert. Das Hormon kann vor allem bei jungen Kätzinnen nach der 1. oder 2. Rolligkeit in den Milchdrüsen eine vermehrte Ausschüttung von Wachstumshormon bewirken, welches lokal wirkt und das Drüsengewebe stark anschwellen lässt. Bei kastrierten und älteren Tieren ist meist eine tierärztliche Behandlung mit Progesteron als Ursache zu sehen. In der Folge kann sich das Gewebe entzünden und infizieren, oder sogar die Haut unter dem hohen Druck Schaden nehmen.

Die Therapie beinhaltet primär die Entfernung der Progesteronquelle - entweder durch Kastration oder Einsatz eines Medikamentes, welches die Progesteronwirkung blockiert. Letztere Methode bedeutet aber bei einer trächtigen Kätzin die Auslösung eines Abortes, was gewisse Risiken mit sich bringt.

Bei Babette hätte das Abwarten einer normalen Geburt (welche wohl erst in etwa einem Monat erfolgt wäre) ein grosses Risiko bezüglich Sekundärschäden am Gesäuge bedeutet. Ausserdem ist unklar, ob die stark veränderten Milchdrüsen überhaupt in der Lage gewesen wären, normale Milch zu produzieren. Unter diesen Umständen ist die Opferung des ungeborenen Welpen als das kleinere Übel anzusehen.

Unklar bleibt, weshalb die Brustdrüsen nach dem anfänglichen Schrumpfen wieder angeschwollen sind. Bei der Kastration wurde die einzig relevante Progesteronquelle total entfernt. Möglicherweise war im Körper noch Rest-Progesteron vorhanden; laut Gynäkologin sind auch seltene Fälle beschrieben, welche nicht primär progesteronabhängig sind und spontan auftreten können.