LEEA, Australian-Cattledog-Mischling, weiblich-kastriert, 6 Jahre alt

Leea wird uns zur Zweitmeinung vorgestellt. Vor drei Wochen hatte der Hund einen Schwäche- und Krampfanfall erlitten und war in einer Klinik behandelt worden. Nach der Therapie ging es dem Hund wieder gut; die Besitzerin wünscht aber eine weitere Begutachtung des Tieres und der vor drei Wochen erstellten Laborwerte.

Erweiterter Vorbericht, Untersuch und Laborbeurteilung

Bei der körperlichen Untersuchung sind keine Abnormalitäten zu finden; auch waren seit den Geschehnissen vor 3 Wochen keine Anfälle mehr aufgetreten.

Die erweiterte Befragung der Besitzerin ergibt, dass am Tag des Geschehens nicht übermässige Hitze geherrscht hatte. Der Hund war ausserdem längere Zeit mit Spielen im Wasser und Tauchen nach Steinen beschäftigt gewesen. Leea zeigte dann zunehmende Schwäche, konnte nicht mehr stehen, legte sich auf die Seite und war während längerer Zeit nicht mehr ansprechbar. Der Notfalltierarzt verabreichte eine intravenöse Infusion und erstellte eine Blutuntersuchung: Hierbei waren alle Elektrolyte (Blutsalze wie Natrium, Chlorid, Kalium, Calcium und Phosphor) deutlich unterhalb der Normwerte; ausserdem waren zwei Enzyme, welche bei Leber- oder Muskelproblemen erhöht sein können, über den Normwerten. Aufgrund der erniedrigten Elektrolytwerte wurde auch ein Test durchgeführt, welcher die Nebennierenfunktion beurteilt - dieser fiel aber normal aus.

Die Besitzerin zeigt uns auch ein Videofilm des damaligen Vorfalles:

Video des Anfalles

Diagnosestellung und weiterer Verlauf

Da durch ein Test bestätigt worden war, dass die Nebennieren von Leena normal funktionieren, muss aufgrund der initial tiefen Elektrolytwerte auf eine sogenannte hypotone Hyperhydratation (oder "Wasservergiftung") geschlossen werden. Hierbei werden die Blutsalze aufgrund der Aufnahme von grossen Mengen Süsswasser verdünnt, was zu neurologischen Ausfällen führen kann. Eine erneute Blutuntersuchung etwa 1 Monat nach dem Vorfall bestätigt, dass Leea wieder normale Blutsalzwerte aufweist. Der Hund verhält sich auch wieder gänzlich normal und hat keine Anfälle mehr gezeigt.

Wissenschaftliches

Die "Wasservergiftung" ist ein potentiell gravierendes Problem, welches beim Mensch ab und zu insbesondere bei starker sportlicher Belastung gesehen wird. Beispielsweise starb im Juli ein 30-jähriger Brite beim Frankfurter Ironman-Triathlon: Verliert ein Mensch durch Schwitzen viel Körpersalz und Flüssigkeit, sollten Salz und Flüssigkeit ausreichend zugeführt werden. Erfolgt dies nicht in Form von isotonen Lösungen (d.h. Flüssigkeiten, welche den gleichen Salzgehalt wie das Blut aufweisen) sondern reinem Wasser, sinkt der Salzgehalt im Blut dadurch stetig. In der Folge beginnen insbesondere Hirnzellen anzuschwellen, was zu Kopfschmerzen, Übelkeit und im schlimmsten Fall zu Koma und Tod führen kann. Das Phänomen heisst im Fachjargon hypotone ("weniger Salz als Blut enthaltend") Hyperhydratation ("Überversorgung mit Wasser").

Da der Hund zur Temperaturregelung nicht schwitzen kann (die Regulation erfolgt stattdessen über das Hecheln), resultiert das Problem bei dieser Spezies nicht primär via einen Salzverlust beim Schwitzen, sondern über einen übermässigen Konsum von Süsswasser. In Leenas Fall hat wohl das ausgiebige Tollen und Tauchen im Wasser dazu geführt, dass sie grosse Mengen an Wasser aufgenommen hat.