GINA, Parson Russell Terrier, weiblich-kastriert, 6 Jahre alt

Gina wird uns nach einem unglücklichen Unfall vorgestellt: Die Hündin trabte bei einem Ausflug neben dem Fahrrad der Besitzerin her, als ein Stöckchen in das Rad des Velos geriet und der Hund von einem so abgerissenem Holzstückchen getroffen wurde.

Die linke Brustseite erscheint beim initialen Untersuch diffus schmerzhaft und geschwollen, in der linken Achselhöhle findet sich ausserdem eine kleine, etwas nässende Wunde. Da die Besitzerin nach Möglichkeit eine chirurgische Exploration (Erkundung) der Wunde vermeiden möchte, wird der Hund vorerst nach einer Wundspülung nur mit Antibiotika und Schmerzmittel versorgt.

Klinischer Untersuch II

Bei einem Kontrolluntersuch vier Tage später wird dann allerdings der Verdacht geweckt, dass die sichtbare kleine Wunde nur ein Teil des Problems des Hundes darstellt: in der nun etwas abgeschwollenen Brustwand ist eine längliche Verhärtung zu spüren und die kleine Wunde sondert immer noch reichlich Sekret ab.

Ein kleiner Schnitt unter Lokalanästhesie bestätigt den Verdacht, dass sich in der Unterhaut ein erstaunlich grosser, hölzerner Fremdkörper befindet! Offensichtlich war dieser beim initialen Untersuch aufgrund der umgebenden Schwellung nicht tastbar gewesen. Nun führt kein Weg an einer chirurgischen Revision des Problemes vorbei.

Therapie und weiterer Verlauf

Unter Vollnarkose wird der gesamte durch den Fremdkörper gebildete Unterhaut-Tunnel aufgeschnitten und nach weiteren feinen Holzstückchen abgesucht - glücklicherweise finden sich aber keine grösseren Holzsplitter mehr in der Wunde. Danach wird die Wunde gespült, mit einer Drainage versehen und genäht. Der Hund erhält ein Breitspektrum-Antibiotikum und ein Schmerzmittel.

Nach drei Tagen wird die Drainage entfernt, die Wunde ist schön in Abheilung. Die Enkelin der Besitzerin hat in der Zwischenzeit einen Teil der Garderobe geopfert, damit die Wunde von Gina standesgemäss vor einem Belecken geschützt werden kann...

Nach zehn Tagen werden die Fäden gezogen, die Wunde ist schön verheilt.

Wissenschaftliches

So unwahrscheinlich es zu Beginn erschien, wurde Gina offensichtlich derart unglücklich von einem Splitter des ins Velorad geratenen Stöckchens getroffen, dass dieser zwischen Haut und Brustwand komplett in die Unterhaut implantiert worden war. Sie hatte allerdings Glück im Unglück, dass der Splitter die Brustwand nicht perforierte und in die Brusthöhle gelangte - in diesem Fall wäre unmittelbare Lebensgefahr bestanden und eine chirurgische Sanierung mit sehr viel grösserem Aufwand und Risiko vonnöten gewesen.

Dem Autor ist ein Fall bekannt, bei dem einem Whippet beim Laufen durch den Wald ein Stock dermassen unglücklich in den Brusteingang gerammt wurde, dass dieser das Herz traf und der Hund auf der Stelle verstarb. Riskant ist auch, wenn ein Hund ein Stöckchen längs im Maul trägt, weil dieses im Lauf bei Einstecken im Boden in den Rachen gerammt wird. Man spricht hier von Pfählungsverletzungen; diese sollten wenn irgend möglich chirurgisch exploriert werden, um freie Fremdkörper oder verletzte Organe zu identifizieren.