PERLA, Europäische Hauskatze, weiblich-kastriert, 5 Jahre alt

Perla wird uns vorgestellt, weil sie seit einigen Tagen erbricht und nicht mehr frisst. Da die klinische Untersuchung vorerst unergiebig verläuft, wird eine Blutuntersuchung durchgeführt, welche aber keine Auffälligkeiten zeigt. Die Katze wird deshalb konservativ mittels Medikamenten gegen Brechreiz behandelt. Da dies das Erbrechen jedoch nicht beseitigt, wird die Katze hospitalisiert; eine intravenöse Tropfinfusion wird gelegt und weitere Abklärungen werden vorgenommen.

Weitere Untersuchungen

Eine Röntgenaufnahme des Bauchraumes wird angefertigt. Auch hier sind keine definitiven Schlüsse bezüglich der Ursache für das Erbrechen zu finden - es sind keine Fremdkörper zu erkennen, und auch der Darm zeigt keine typischen Zeichen eines Darmverschlusses (wie erweiterte, mit Gas gefüllte Dünndarmschlingen). Eine Ultraschalluntersuchung lässt dann aber vermuten, dass die Katze möglicherweise an einem sogenannten linearen Fremdkörper leidet: Der Dünndarm ist stellenweise erweitert und mit Flüssigkeit gefüllt, welche sich nur träge und pendelnd (statt in einer Richtung) bewegt. Ausserdem sind Abschnitte erkennbar, in welchen der Darm scheinbar aufgefältet und aufgeknäuelt liegt. Auch dieser Befund deutet auf einen linearen Fremdkörper (ein Stück Schnur oder Garn, welches im Darm liegt) hin.

Die Befunde der bildgebenden Untersuchungen und der Umstand, dass Perla weiterhin erbricht und einen zunehmend matten Eindruck macht, diktieren den nächsten Schritt der Behandlung: Eine sogenannte Probelaparotomie.

Chirurgie

Von einer Probelaparotomie spricht man, wenn die Bauchhöhle eines Tieres oder eines Menschen chirurgisch eröffnet wird und zuvor nicht zwingend klar ist, was genau das Problem im Bauchraum ist. Das Verfahren ist demzufolge eigentlich ein diagnostischer Schritt, welcher gleichzeitig auch ein therapeutischer sein kann, sofern während der Operation eine Ursache für die Symptome des Patienten ersichtlich wird.

Die Operation bestätigt den durch den Ultraschall geweckten Verdacht, dass Perla an einem linearen Fremdkörper leidet: Die Schnur oder der Faden ist mit dem einen, sich als Knoten anfühlenden Ende im Darm stecken geblieben. Der Darm hat sich in seiner Bemühung, den Fremdkörper weiterzubefördern, teleskopartig über dem Fremdkörper aufgeknäuelt. Ausserdem stellt sich heraus, dass der Darm nach dem Herausheben aus der Bauchhöhle an 3 Stellen spontane Risse aufweist - durch die Manipulation ist das durch den Fremdkörper geschädigte Gewebe zerrissen worden, und Darminhalt ist in das Operationsfeld ausgeflossen. Glücklicherweise scheint dies aber erst nach dem Herausheben aus der Bauchhöhle geschehen zu sein - das Bauchfell weist nämlich keine Anzeichen einer Bauchfellentzündung auf.

Wegen des ausgetretenen Darminhaltes werden der Katze gegen die bakteriellen Kontamination der Bauchhöhle intravenös 2 potente Antibiotika verabreicht.

Der Darm wird an total 4 Stellen eröffnet und der Fremdkörper, ein Garn von etwa einem halben Meter Länge, in mehreren Teilen unter sanftem Zug entfernt. So wird verhindert, dass sich der Fremdkörper wie eine Säge durch das geschädigte Darmgewebe schneidet und dieses weiter beschädigt. Zwei im unteren, gesund aussehenden Teil des Darms gesetzte Einschnitte werden routinemässig verschlossen. Ein oberhalb davon gelegenes Darmstück von etwa 30 cm Länge wird inklusive der 3 spontan entstandenen Darmdurchbrüchen entfernt, und die beiden Ende wieder miteinander vernäht. Das zugehörige Gekröse wird ebenfalls vernäht um zu verhindern, dass Darm oder Organe durch diese durch die Darmentfernung entstandene Öffnung im Gekröse rutschen und so abgeschnürt werden könnten. Der Darm und die Bauchhöhle werden ausgiebig mit steriler Kochsalzlösung gespült, um die Menge der ausgetretenen Bakterien zu reduzieren. Die Bauchhöhle wird routinemässig verschlossen.

Weiterer Verlauf

Die Katze erholt sich gut von der Narkose und der schweren Operation. Schon 2 Tage postoperativ frisst Perla wieder normal und kann nach Hause entlassen werden. Beide Antibiotika werden in Tablettenform durch die Besitzer für eine weitere Woche verabreicht. 10 Tage nach Operation werden die Fäden gezogen - die Wunde ist schön verheilt, und der Katze geht es gut.

Wissenschaftliches

Auch wenn es sich schon beim letzten "Fall des Monats" um einen Darmfremdkörper bei einer Katze handelte, sind solche Fälle doch eher unüblich. Lineare Fremdkörper wie Schnüre oder Garn kommen bei Katzen aber doch ab und zu vor, weil viele Tiere entsprechendes Material als Spielzeug erhalten. Wird ein solcher Fremdkörper verschluckt, kann dies gravierende Folgen haben: Die Schnur kann sich durch Knoten- oder Knäuelbildung im Darm verkeilen. Der Darm versucht darauf, den "darmabwärts" liegende Teil des Fremdkörpers wegzubefördern. Durch die Fixation an der Darmwand ist dies aber unmöglich,  und der Darm beginnt sich teleskopartig am Schnurstück aufzufalten (ähnlich wie ein Strumpf, der zum Fuss hinunter abgestreift, aber nicht ausgezogen wird). Dadurch kann sich der Fremdkörper wie eine Säge in die Darmschleimhaut einschneiden, was schlussendlich zum Darmdurchbruch, Bauchfellentzündung und Tod führt.

Lineare Fremdkörper können schwierig zu diagnostizieren sein, insbesondere wenn röntgenologische Anzeichen eines Darmverschlusses fehlen. Ein Ultraschall kann einen Verdacht erhärten; abschliessende Gewissheit erhält der Tierarzt manchmal aber erst anlässlich einer chirurgischen Exploration der Bauchhöhle.

Bei Perla wurde der Fremdkörper glücklicherweise gerade noch rechtzeitig entdeckt - wäre der Darm spontan in der Bauchhöhle gerissen, wäre die Prognose um einiges ungünstiger zu stellen gewesen.