GIPSY, Retriever-Mischling, weiblich, 3 Monate alt

 

Vorgeschichte

Der Besitzerin ist aufgefallen, dass der Welpe zwar normal Harn absetzen kann, zudem aber ständig Urin verliert und deshalb intensiv nach Harn riecht. Ansonsten geht es „Gipsy“ gut.

Untersuch

Die Beobachtung von „Gipsy“ zeigt, dass das Tier tatsächlich fortwährend tropfenweise Urin verliert. Das Fell um die Vulva ist deshalb auch feucht und verklebt. Der restliche Untersuch des Tieres verläuft unauffällig. Die Symptome sind sehr verdächtig für eine Missbildung im Harntrakt – ektopische Ureteren. Bei dieser Entwicklungsstörung werden beim Fötus im Mutterleib die Harnleiter (die „Verbindungsschläuche“, welche den in den Nieren gebildete Urin in die Blase ableiten) abnormal angelegt - sie münden nicht wie normal in die Blase, sondern an einen anderen Ort (am häufigsten in die Harnröhre, manchmal aber auch in die Vagina oder das Rektum).

Röntgen

Zur genaueren Abklärung des Verdachts wird ein sogenanntes IVP (intravenöses Pyelogramm) angefertigt. Hierzu wird dem Hund intravenös ein Kontrastmittel injiziert, welches über die Nieren ausgeschieden wird und so auf einer Röntgenaufnahme die Nieren, die Harnleiter (Ureter) und die Blase verstärkt darstellt. In einem "normalen" Röntgen sind die zu untersuchenden Harnleiter nicht erkennbar.

Bei "Gipsy" wird ersichtlich, dass das linke Nierenbecken und der linke Ureter stark erweitert sind. Das rechte Nierenbecken erscheint normal, der rechte Ureter leicht erweitert. Zudem kann gezeigt werden, dass mindestens ein Harnleiter nicht wie normal in die Blase, sondern weiter hinten in die Harnröhre mündet. Die Harnblase füllt sich ebenfalls mit Kontrastmittel, was dafür spricht, dass zumindest ein Teil des Urins normal in die Blase gelangt.

Urethro-Cystoskopie

In Narkose werden Vagina, Harnröhre und Blase mit einem Endoskop untersucht. Dabei zeigt sich, dass beide Harnleiter unmittelbar neben der normalen Harnröhrenöffnung direkt in die Scheide münden. Die rechte Harnleiteröffnung steht weit offen, die linke ist eher klein. Optisch kann so der röntgenologische Befund von ektopischen Ureteren bestätigt werden.

Aufgrund dieses Befundes entscheidet sich die Besitzerin zur Euthanasie des Tieres. Ektopische Ureteren können grundsätzlich chirurgisch therapiert werden - allerdings ist je nach Ausprägung der Missbildung und den entstandenen Folgeschäden eine Therapie mitunter technisch sehr schwierig, kostenaufwendig oder resultiert in einer ungenügenden Verbesserung der Situation.

Autopsie

Nach der Euthanasie wird eine Autopsie durchgeführt.

Die linke Niere ist stark verändert: Offensichtlich hat im missgebildeten Harnleiter ein übermässiger Druck geherrscht, welcher nicht nur den Harnleiter selbst zu einem unnatürlichen Durchmesser und einer geschlängelten Form ausgedehnt hat, sondern auch zu einer starken Erweiterung des linken Nierenbeckens geführt hat. Das funktionelle Nierengewebe ist dadurch stark komprimiert worden. Der rechte Harnleiter und die rechte Niere erscheinen relativ normal. Beide Ureteren münden aber wie zuvor festgestellt nicht an den üblichen Orten in die Harnblase: Sie verlaufen als Tunnel in der Blasenwand und münden erst weit im Beckenraum. Der rechte Harnleiter weist eine kleine Öffnung in die Blase auf, durch welche etwas Urin (wie eigentlich normalerweise) direkt in die Blase gelangen kann.

Wissenschaftliches

Normalerweise münden bei Hunden beide Harnleiter im Dach der Harnblase, nahe des Ursprungs der Harnröhre, in die Blase. Der sich in der Mündung der Harnröhre befindliche Blasenschliessmuskel ermöglicht so eine kontinuierliche Befüllung der Blase mit Urin, ohne dass Harn austritt. Periodisch wird die Blase dann beim Harnabsatz entleert - der Hund ist sogenannt "kontinent" (siehe Schema 1).

Bei "Gipsy" münden beide Harnleiter nicht in die Blase selbst, sondern in die Vagina. Der rechte Harnleiter hat eine zusätzliche kleine Öffnung in die Blase, durch die Urin (wie eigentlich normal) die Blase befüllen kann (siehe Schema 2). Der Urin, welcher durch die Harnleiter aus den Nieren abgeführt wird, füllt dadurch teilweise die Blase, gelangt aber unter Umgehung des Blasenschliessmuskels zu einem grossen Teil auch direkt in die Scheide - der Hund verliert konstant Urin, er ist "inkontinent".

Ektopische Ureteren sind eine eher seltene Missbildung bei Hunden. In 90% der Fälle sind weibliche Tiere betroffen; bei rund einem Drittel der Fälle sind beide Harnleiter missgebildet, bei zwei Dritteln nur der eine. Je nach Anatomie kann es zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Harninkontinenz kommen. Häufig bilden sich als Folge der Missbildung Infekte des veränderten Harnapparates sowie Erweiterungen von Harnleitern und Nierenbecken. Chirurgisch haben unkomplizierte Ureteren eine nicht allzu schlechte Prognose (vollständige Kontinenz oder deutliche Verbesserung der Inkontinenz). Aufgrund der schon eingetretenen Sekundärveränderungen an der linken Niere sowie der ausgeprägten Ektopie beider Ureteren wären die Erfolgsaussichten, bei "Gipsy" eine normale Situation herstellen zu können, wohl eher gering gewesen.