YUMA, Boxer, männlich, 9 Jahre alt

 

Vorgeschichte

Der Hund wird im Notfalldienst vorgestellt, weil er im Garten der Besitzer kollabiert war und danach erbrochen hatte. Etwa eine halbe Stunde später war „Yuma“ wieder auf den Beinen, nach einem Spaziergang wollte er aber nicht mehr aus dem Auto aussteigen und war apathisch. Vor 3 und 4 Jahren war der Hund an beiden Knien wegen eines Kreuzbandrisses operiert worden. Seit einem Jahr trinkt der Hund sehr viel und war deswegen von seinem Haustierarzt abgeklärt worden. Dabei war festgestellt worden, dass die Nebennieren von Yuma vergrössert waren; es waren aber keine weiteren Abklärungen oder Therapien eingeleitet worden.

Untersuch

Bei der Ankunft in der Praxis ist der Hund wieder munter, wedelt mit dem Schwanz und frisst die angebotenen Leckerchen mit Appetit. Sein Kreislaufsystem (Herzrhythmus, Pulsqualität, Schleimhautfarbe und kapilläre Füllungszeit) ist unauffällig; dagegen wird beim Abtasten festgestellt, dass sich im vorderen, oberen Bereich des Bauches eine etwa hühnereigrosse, unregelmässig gelappte Masse befindet.

Ultraschall

Der Vorbericht der Besitzer deutet auf eine Synkope (eine kreislaufbedingte, kurze Ohnmacht) hin. Eine Herzrhythmusstörung, welche spontan wieder verschwunden ist, kann nicht ausgeschlossen werden – schliesslich ist der Boxer eine Hunderasse, welche relativ häufig unter einer Herzmuskelerkrankung (der Dilatativen Cardiomyopathie) leidet, welche zu Herzrhythmusstörungen führen kann. Da der Herzrhythmus im Moment aber normal ist, wird vorerst auf ein Elektrokardiogramm verzichtet.

Hingegen wird die Bauchhöhle einer Ultraschalluntersuchung unterzogen. Die Milz erscheint unauffällig – in diesem Organ können Krebsgeschwulste vorkommen, welche leicht bluten und so zu einem Kreislaufkollaps führen können. Trotzdem findet sich in der Bauchhöhle etwas Flüssigkeit, welche verdächtig nach Blut aussieht. In der Nierengegend findet sich dann die wahrscheinliche Ursache für diesen Bauchhöhlenerguss: Ausgehend von der linken Nebenniere hat sich ein Knoten von etwa 5x5x3 cm gebildet. Diese Krebsgeschwulst ist in die hintere Hohlvene eingewachsen und blockiert den Blutfluss in diesem grossen Gefäss teilweise, was mittels Doppler-Sonographie gut darstellbar ist.

Weiterer Verlauf

Aufgrund des Ultraschalls muss von einem bösartigen Nebennierentumor ausgegangen werden, welcher in die Hohlvene invadiert ist und neben einer Beeinträchtigung des dortigen Blutflusses auch zu einer signifikanten Blutung in die Bauchhöhle geführt hat. Die genaue Ursache, welche zum Kreislaufkollaps geführt hat, ist zu diesem Zeitpunkt unklar – neben einer mechanischen Behinderung der Durchblutung der hinteren Körperanteile durch den Tumor in der Hohlvene kommen auch mögliche Ableger des Geschwulsts im Herzen oder hormonelle Störungen des Salzhaushaltes durch den Nebennierentumor in Frage.

Die Prognose für Yuma ist leider schlecht; aufgrund der Lokalisation ist eine Entfernung des Tumors unmöglich.

Trotzdem entscheiden sich die Besitzer, ihren Hund weiter abklären zu lassen und werden deshalb zur Anfertigung eines Computertomogramms (CT), Ultraschalluntersuchung des Herzens und Beurteilung durch einen Chirurgen notfallmässig ans Tierspital Bern überwiesen.

Computertomographie

Die Computertomographie (CT) liefert mittels eines röntgenähnlichen Verfahrens ein dreidimensionales Bild des untersuchten Körperteils. Da das untersuchte Tier vollständig ruhig liegen muss, wird Yuma zur Untersuchung narkotisiert.

Im CT wird ersichtlich, dass sich der Tumor, welcher von der linken Nebenniere ausgeht, schon sehr weit in das Gefässystem von Yuma vorgearbeitet hat. Krebsausläufer finden sich wie erwartet in der Hohlvene, aber auch in der Nierenvene sowie in einer weiteren grossen Vene. Der Geschwulst ist somit inoperabel.

Yuma wird nach Hause entlassen, es geht ihm vorderhand gut. Weitere Synkopen sind aber zu erwarten, und wahrscheinlich muss der Hund in näherer Zukunft eingeschläfert werden.

 

Wissenschaftliches

Nebennierentumoren sind bei Hunden eher selten. Sie können von der Nebennierenrinde ausgehen (und dadurch Symptome einer Nebennierenüberfunktion (Cushing’s Disease) bewirken); sehr selten entsteht der Krebs aus dem Nebennierenmark, in welchem Adrenalin produziert wird (was als Phäochromozytom bezeichnet wird). Wird ein solcher Tumor frühzeitig entdeckt, kann er möglicherweise chirurgisch vollständig entfernt werden. Ist der Geschwulst aber schon in das Gefässsystem eingewachsen, wird eine chirurgische Entfernung unmöglich.

Unklar ist, warum genau Yuma einen Kollaps erlitten hatte. Einerseits ist es möglich, dass durch den plötzlichen Blutverlust in die Bauchhöhle ein Blutdruckabfall entstand und so eine Ohnmacht bewirkt wurde. Andererseits könnte ein Tumor des Nebennierenmarks zu einer plötzlichen Freisetzung von Adrenalin geführt haben, was ebenfalls einen Kollaps bewirken kann. Diese Variante erscheint angesichts der nicht übergrossen Menge an Flüssigkeit in der Bauchhöhle als wahrscheinlicher.