RAMIRA, Papillon, weiblich-kastriert, 2 1/2 Jahre alt

 

Vorgeschichte

Die Besitzerin stellt Ramira notfallmässig wegen einem veränderten Verhalten vor: Seit die Hündin am Vorabend ein Schweinsöhrchen gefressen habe, zeige sie ein reduziertes Allgemeinbefinden, wolle nicht fressen, trinken oder spazierengehen. Der Hund hatte über Nacht zweimal Schleim erbrochen und schien schmerzhaft, wenn er von der Besitzerin am Kopf berührt wurde.

Untersuch

Beim Untersuch erscheint Ramira ruhig und hat mit 39.3°C eine leicht erhöhte Körpertemperatur. Das Abtasten der vorderen Bauchregion scheint unangenehm, das der Kopfregion jedoch nicht. Der restliche Untersuch verläuft unauffällig.

Weitere Untersuchungen

Ein Zusammenhang der Symptomatik mit der Aufnahme des Schweinsöhrchens wird vermutet. In einem ersten Schritt wird deshalb eine Röntgenaufnahme der Bauchregion angefertigt, die aber keine weiteren Aufschlüsse ermöglicht. Deshalb wird dem Hund ein Röntgen-Kontrastmittel verabreicht. Die folgende Röntgenaufnahme zeigt, dass der Magen (wie zu erwarten) mit Kontrastmittel gefüllt ist. Zusätzlich ist aber sichtbar, dass sich auch im unteren Bereich der Speiseröhre noch Kontrastmittel befindet, was nicht normal ist. Eine Röntgenaufnahme der Brust löst dann das Rätsel: In der Speiseröhre befindet sich unmittelbar vor dem Herzen ein grosser, weichteildichter Fremdkörper – offenbar ist ein Teil des Schweinsöhrchens an diesem Engpass steckengeblieben!

Weiterer Verlauf

Unter Narkose wird die Speiseröhre endoskopisch untersucht und der Fremdkörperverdacht bestätigt. Mit einer Zange wird das Material vorsichtig angepackt und entfernt. Ein weiteres Röntgen dokumentiert die komplette Entferung des Fremdkörpers. Nachdem Ramira aus der Narkose erwacht ist, wird ersichtlich, dass es ihr schon sehr viel besser geht, und sie wird mit einem Medikament, welches als „Pflaster“ für die irritierte Schleimhaut wirkt, nach Hause entlassen. Sie erholt sich vollständig von ihrem Abenteuer.

Wissenschaftliches

Verschluckte Fremdkörper sind beim Hund keine Seltenheit. Meist sind sie im Magen oder im Dünndarm anzutreffen und müssen von dort (je nach Grösse und Lokalisation) chirurgisch oder mittels Endoskop entfernt werden. Ein Endoskop ist ein Gerät, welches aus einem flexiblen „Schlauch“ und einem optischen System besteht, welches Bilder von der Spitze des Schlauches an den Untersucher überträgt. Diese Übertragung erfolgt mittels Glasfasern (ältere Systeme) oder elektronisch (neuere Systeme). Der Endoskopschlauch ist mit einem Arbeitskanal versehen, durch den Probeentnahmezangen oder Fremdkörperzangen an die Spitze des Schlauches vorgeschoben werden können. So können unter optischer Kontrolle Gewebeproben entnommen und Fremdkörper ergriffen werden.

Ramira hatte sich beim Fressen des Schweinsöhrchens etwas gar viel zugemutet: Das geschluckte Stück war dermassen gross, dass es in der Speiseröhre des 7 kg schweren Hundes stecken blieb – und zwar in der Region des Herzens, was eine typische Lokalisation darstellt, da hier die Speiseröhre besonders eng ist. Glücklicherweise war der Fremdkörper weich und ohne Kanten und konnte ohne Verletzung der Speiseröhre entfernt werden: Werden scharfe, harte Gegenstände verschluckt und bleiben in der Speiseröhre stecken, kann eine endoskopische Entfernung über die Speiseröhre (d.h. unblutig) praktisch unmöglich oder mit einem hohen Risiko einer Speiseröhrenverletzung verbunden sein. Im Gegensatz zur Bauchhöhle ist eine chirurgische Fremdkörperentfernung aus der Brusthöhle mit viel höheren Risiken, Kosten und Belastungen für den Patienten verbunden.