NAMENLOS, Strassenhund, maennlich

 

Vorgeschichte

Folgendes ist ein Reisebericht unseres Tierarztes Peter Müller:

Quetzaltenango ist eine Provinzhauptstadt im westlichen Hochland von Guatemala. In meiner Freizeit neben den täglichen Spanischstunden durchstreife ich die Stadt und ihre Umgebung und stosse dabei zufällig auf eine Tierarztpraxis. Ich entschliesse mich, dem Berufskollegen einen Besuch abzustatten.

Dr. Ricardo Figueroa beschäftigt sich in seiner Praxis ebenfalls hauptsächlich mit Hunden und Katzen. Guatemala ist ein sehr armes Land; der gesetzliche Mindestlohn betraegt 210.- Franken monatlich, ein Lehrer mit mehrjaehriger Berufserfahrung verdient etwa 500.- Franken im Monat. Nicht erstaunlich ist deshalb, dass die Tierarztpraxis von Ricardo nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet ist; die Räume sind eng, dunkel und spartanisch möbliert. Eine Möglichkeit für (sehr teure und deshalb seltene) Blutuntersuchungen besteht nur im nahen Humanspital, von Röntgen und Ultraschall kann hier nur geträumt werden.

Ricardo zeigt mir einen jungen Rüden, der von einer Familie vor einer Woche in die Praxis gebracht wurde. Er ist einer der unzähligen Strassenhunde, die die Städte von Guatemala bevölkern. Wohl aufgrund eines Autounfalls belastet er das linke Hinterbein nicht; Ursache ist eine gut tastbare Fraktur des Schienbeins. Ricardo fragt mich, wie wir in der Schweiz in solchen Fällen verfahren würden, und ich erkläre ihm die verschiedenen Operationstechniken. Ob ich mir vorstellen könnte, den Hund zu operieren, fragt mich der Tierarzt - so könnte das Tier weiterleben, und er etwas dazulernen.

Wir beschliessen, dem örtlichen Medizinalmaterialvertreiber einen Besuch abzustatten: Die Kosten für eine Stahlplatte, 6-8 Schrauben, sterile Handschuhe und Tupfer, OP-Hauben und -Masken, sowie die Miete des Osteosynthese-Zubehörs und die Sterilisation von Abdecktüchern im Spital belaufen sich auf etwa 180.- Franken.

Ich entschliesse mich, die Hälfte des Betrags zu übernehmen, und, nachdem er erklärt hat, dass die Klinik nur die Materialkosten verrechnen werde, kann Ricardo die "Besitzer" zur Uebernahme des Restbetrages bewegen.

Die Operation

Die hygienischen und technischen Bedingungen sind schwierig: Ohne Röntgenaufnahme ist unklar, wie die Fraktur tatsächlich aussehen wird. Als Abdecktücher dient ein Stapel steriliserter Handtücher; es fehlen Zangen zur Fixation der Platte und Tuchklemmen, die Narkose wird mittels gelegentlicher Injektion eines Medikamentes in die Tropfinfusion aufrechterhalten; die Tupfer sind etwa doppelt so gross wie Briefmarken; die Bohrmaschine ist unsteril und muss deshalb mit einem Tuch umwickelt werden und meine OP-Partner haben Schwierigkeiten, die Sterilitaetsregeln einzuhalten und zupfen sich mit ihren Handschuhen an Kleidung und Maske herum.

Der Hautschnitt erfolgt an der vorderen Innenseite des Schienbeins, und der Knochen wird dargestellt: Die Fraktur ist über eine Woche alt und deshalb entsprechend stark kontrahiert und mit Narbengewebe versehen. Glücklicherweise befindet sie sich im Mittelteil des Knochens und weist nur wenige Splitter auf. Die Frakturenden werden von Blutgerinnseln und Narbengewebe befreit. Mittels Hebelbewegungen werden die Frakturenden aufeinandergestellt; danach wird die Platte zurechtgebogen und der Form des Knochens angepasst. Die Platte weist 8 Löcher auf, wobei die zentralen 2 Löcher über die Fraktur und die Frakturfragmente zu liegen kommen und deshalb nicht mit Schrauben versehen werden. Nach Einsetzen der 6 Schrauben ist der Bruch sehr stabil und anatomisch korrekt versorgt, und die Haut wird in zwei Schichten verschlossen - als Hautnaht dient der einzige zur Verfügung stehende Hautfaden, welcher sich bezüglich Dicke und Nadellänge wohl besser zur Versorgung von Elefanten eignen würde.

Der Hund wird in den folgenden Tagen ein Antibiotikum erhalten, da ein Wundinfekt sehr wohl möglich ist. Ausserdem hat er doppeltes Glück: Ricardo beschliesst, dem Hund einen Namen und ein Heim zu geben...

Nachtrag

Guatemala ist ein gebeuteltes Land: Ein Bürgerkrieg, der 36 Jahre dauerte, erst 1996 offiziell endete, über 200´000 Leben kostete und mehr als 1 Million Flüchtlinge provozierte, hinterliess ein Land, in dem es an allen Ecken und Enden fehlt. Die Regierung und Polizei ist hochkorrupt, und die Kriminalitätsrate explodiert - täglich ist in der Zeitung von mehreren Morden zu lesen. Das Land wird ausserdem vom internationalen Drogenhandel als Drehscheibe benutzt, und es werden lokal auch grosse Mengen an Kokain und Marihuana produziert und Richtung USA ausgeschmuggelt. Die Bevölkerung ist zum grössten Teil sehr arm; 56% leben unter der offiziellen Armutsgrenze. Unter diesen Umständen ist verständlich, dass Strassenhunde hier keine grosse Lobby haben. Die Tiere sind allgegenwärtig, verwahrlost und vermehren sich unkontrolliert. Die lokalen Tierärzte (unter Anderem auch Ricardo) unternehmen zum Teil Kastrationsaktionen, sind aber finanziell und kapazitätsmaessig stark unterdotiert.

Interessierte LeserInnen, welche gerne eine Spende zu Handen von Dr. Ricardo Figueroa machen und so den Strassenhunden von Quetzaltenango helfen möchten, sind herzlich dazu eingeladen sich bei mir (peter.mueller@lyssbachvet.ch) oder in unserer Praxis zu melden. Besten Dank