TIMI, Hauskatze, männlich-kastriert, 13 Jahre alt

Trotz seines Seniorenalters ist Timi immer noch ein grosser Krieger: Mehrmals kam er in den letzten Jahren wegen Bissverletzungen in die Behandlung. Der aktuelle Abszess und die Schwellung an der linken Backe ist ebenfalls durch einen Katzenbiss verursacht worden, und wir versorgen sie routinemässig unter Narkose mit einer Drainage sowie Antibiotika und Schmerzmittel.

Seltsamerweise verheilt der Abszess so aber nicht innert etwa einer Woche - die Abszesshöhle füllt sich nach Entfernung der Drainage wieder mit Eiter. Eine zweite Narkose wird verabreicht und eine Röntgenaufnahme des Schädels angefertigt. Verblüfft stellen wir fest, dass die Katze, welche Timi gebissen hatte, nicht nur ein Loch in die Haut, sondern gleich auch noch einen Knochenbruch in den Jochbogen gebissen hatte!

Die Gegend wird generös eröffnet und mit dem Skalpell ausgekratzt, ein neuer Drain wird eingelegt. Leider will die Wunde aber auch so nicht abschliessend abheilen. Der Verdacht wächst, dass hier entweder ein resistentes Bakterium oder aber verbleibendes Fremdmaterial sein Unwesen treiben könnte.

Erneut wird Timi narkotisiert, die Wunde erneut eröffnet und ein Tupfer zur bakteriologischen Untersuchung des Wundbettes entnommen. Dann wird mittels Lupenbrille sorgfältig nach Fremdmaterial gesucht - und siehe da: Es finden sich zwei winzige Knochensplitterchen von etwa einem Millimeter Durchmesser nahe der Frakturstelle! Offensichtlich haben diese kleinen, nicht mehr durchbluteten Gewebsstücke wie Fremdkörper gewirkt und entsprechend eine Wundheilung verunmöglicht. Nun verheilt der Abszess problemlos; die bakteriologische Kultur eruiert einen problemlosen Eitererreger ohne nennenswerte Resistenzen.

Wissenschaftliches

Abszesse nach Bissverletzungen bei Katzen werden in der Kleintiermedizin sehr häufig gesehen - die kleinen Einbissstellen verkleben nach einem Kampf sehr schnell, worauf sich in der Unterhaut ein Infekt mit Eiterbildung etablieren kann. Manchmal wird ein solcher Abszess erst entdeckt, wenn er sich schon selbst durch Zerstörung der darüberliegenden Haut einen Weg gebahnt hat - in diesem Fall reicht häufig ein Wunddebridement (Entfernung von totem Gewebe) und allenfalls eine Antibiose aus, um den Abszess abheilen zu lassen. Wird der Abszess aber noch vor dem Aufplatzen bemerkt, muss er unter Narkose gespalten und gegenbenfalls mit einer Drainage versehen werden - so wird dem Körper die Gelegenheit gegeben, alles Totgewebe und Eiter abszusondern. In aller Regel heilen solche Abszesse nach einer Drainagezeit von 2-6 Tagen problemlos ab.

Dass bei einer Bissverletzung auch gleich ein Knochen frakturiert wird, ist bei Katzen hingegen sehr unüblich. Bei Timi hat jedenfalls die Fremdkörperreaktion der abgesplitterten Knochenstückchen bewirkt, dass die Verletzung erst nach mehreren Anläufen erfolgreich zur Abheilung gebracht werden konnte.