BALOU, Hauskatze, männlich, 4 Monate alt

Balou geht es seit gestern nicht mehr gut: Er hat keinen Appetit mehr und hat mehrmals erbrochen. Auf dem Untersuchungstisch ist der kleine Kater zwar noch ganz munter, zeigt aber, für dieses Alter völlig unüblich, kein Interesse am angebotenen Spezialfutter.

Untersuch und Problemstellung

Die Katze wird wie üblich sorgfältig untersucht. Der Bauch fühlt sich weich und schmerzfrei an, die Körpertemperatur ist normal. Ein Blick in die Maulhöhle lässt uns aber stutzen: Könnte es sein, dass sich unter der Zunge von Balou ein Fremdkörper befindet? In Narkose lässt sich die Gegend gut untersuchen, und tatsächlich zeigt sich, dass sich eine Schnur, aus der Rachenregion kommend, um des Zungenbändchen geschlungen hat und wieder im Rachen verschwindet. Offensichtlich hat Balou diesen Fremdkörper verschluckt, was natürlich Erbrechen und Appetitlosigkeit erklären würde.

Das ganze Ausmass des Problems wird dann ersichtlich, als versucht, wird, vorsichtig an der Schnur zu ziehen - sofort bietet der Fremdkörper Widerstand. Ganz offensichtlich hat sich das eine Ende des Fremdkörpers irgendwo im Magen-Darmtrakt verhakt - ein forciertes Ziehen an der Schnur würde das grosse Risiko beinhalten, Magen oder Darm schwer zu verletzen und die Katze in Lebensgefahr zu bringen.

Erweiterte Abklärung: Magenspiegelung

Nach Rücksprache mit den Besitzern wird zuerst eine kurze Speiseröhren- und Magenspiegelung durchgeführt. Zwar sind Magen und Oesophagus unversehrt, leider zeigt sich aber, dass die Schnur durch den Magenausgang im Dünndarm verschwindet. Nun gibt es keine andere Option mehr, als die Bauchhöhle zu eröffnen und den Fremdkörper chirurgisch zu entfernen.

Chirurgie

Das Katerchen wird über einen Luftröhrenschlauch mit Narkosegas und Sauerstoff versorgt und die Bauchhöhle eröffnet. Leider zeigt sich, dass der gesamte Dünndarm ganz offensichtlich Schnur enthält und schon begonnen hat, sich über dem Fremdkörper wie ein Strumpf aufzufälteln. Der Dünndarm wird an total 5 Stellen aufgeschnitten und die Schnur stückweise vorsichtig aus dem Darm gezogen um ein Einschneiden in die Schleimhaut oder gar ein Durchschneiden des Darms zu vermeiden. Der letzte Teil der Schnur befindet sich im Dickdarm und wird durch den letzten Schnitt im Dünnderm entfernt. Die Darmwunden werden vorsichtig vernäht und die Bauchhöhle verschlossen; die Katze wird antibiotisch abgedeckt und wird, da die Operation notfallmässig in der Mittagspause erfolgte, noch über Nacht in der Praxis hospitalisiert. Am nächsten Morgen geht es Balou schon wieder sehr gut, er ist munter und zeigt einen gesunden Appetit.

Weiterer Verlauf

10 Tage später werden die Hautfäden gezogen, dem Katerchen geht es sehr gut. Inzwischen haben die Besitzer auch herausgefunden, wo Balou den fatalen Fremdkörper gefunden hatte: Er hatte die Bespannung der Sofa-Unterseite gelöst und die dabei freigewordene Schnur verschluckt...

Wissenschaftliches

Schluckt eine Katze eine Schnur oder Ähnliches und wickelt sich diese dabei um die Zunge, so wirkt dies wie ein Anker und der Magen-Darmtrakt kann den Fremdkörper nicht weiterbewegen. Er beginnt stattdessen, sich wie ein Strumpf über der Schnur aufzufälteln und wird, wenn nicht chirurgisch interveniert wird, schlussendlich durch den Fremdkörper zerschnitten, was zu einer Bauchfellentzündung und dem Tod des Tieres führt.

Wichtig ist, dass nicht mit Gewalt versucht wird, den Fremdkörper aus dem Verdauungstrakt zu ziehen. Das Risiko, dass sich der Fremdkörper durch den Zug wie eine Säge durch den Darm schneidet, ist enorm.