SPOLK, Maine Coon, männlich-kastriert, 12 Jahre alt

Spolk wird uns vorgestellt, weil sich an den Pfoten die Zehen- und Pfotenballen verändert haben: Sie erscheinen aufgeweicht, bläulich und entzündet; zT tragen sie auch ein kleines Geschwür und scheinen schmerzhaft. Das Bild ist typisch für eine sogenannte Plasmazelluläre Pododermatitis; die Ursache dieser seltenen Krankheit ist unbekannt, es werden aber autoimmune Mechanismen vermutet. Entsprechend erhält die Katze ein Medikament, welches das Immunsystem drosselt. Einige Zeit später sind mit einer Ausnahme alle Ballen abgeheilt; an der linken Hinterpfote präsentiert sich das Ballenpolster einer Zehe als offene, blutende Wunde. Da diese Zehe als einzige nicht auf das verwendete Cortison angesprochen hat, wird beschlossen, die Zehe zu amputieren und damit eine Schmerzfreiheit zu erreichen.

Operation und erste Folgezeit

Unter Narkose wird die Pfote ausgeschoren, in einem Desinfektionsmittel gebadet, danach die zu operierende Zehe zuerst mit Desinfektionsmittel, dann mit Alkohol und einem zweiten Desinfektionsmittel gereinigt. Das Operationsfeld wird routinemässig mit einem sterilen Einwegtuch abgedeckt und die Zehe in einer kurzen Operation mittels sterilem Besteck amputiert. Da trotz allen Massnahmen in dieser Lokalisation (kaum sterilisierbarer Krallenfalz, Hornhaut der Zehe) eine Möglichkeit besteht, dass Bakterien im OP-Feld überleben könnten, wird ein Antibiotikum verabreicht.

Nach der OP wird alle paar Tage der Verband gewechselt - hierbei zeigt sich, dass die Wunde schlecht zuheilt; nach einer Woche stellt sich sogar eine Dehiszenz der Wunde ein (d.h. die entzündete Wunde platzt auf).

In einer erneuten Operation wird die Wunde aufgefrischt, gespült und neu genäht; gleichzeitig wird eine Tupferprobe zur bakteriologischen Untersuchung entnommen. Da davon ausgegangen werden muss, dass ein Wundinfekt die schlechte Wundheilung verursacht hat, wird bis zum Erhalt des Laborberichtes ein anderes Antibiotikum verschrieben.

Weiterer Verlauf

Auch die neu vernähte Wunde zeigt Probleme beim verheilen - trotz Antibiotikum röten sich die Wundränder und die Wunde ist feucht und droht erneut, auseinanderzuklaffen. Nach 5 Tagen ist dann der bakteriologische Befund verfügbar, und jetzt wird klar, weshalb die eigentlich recht belanglose Wunde so grosse Mühe hat, zu verheilen: In der Wunde werden gleich zwei Bakterien gefunden, welche beide sowohl auf das erste als auch auf das zweite eingesetzte Antibiotikum resistent sind! Auch weitere gängige Antibiotika können laut der Auflistung entweder dem einem oder dem anderen oder gar beiden Keimen zusammen nichts mehr anhaben.

Glücklicherweise bleibt aber eine Stoffgruppe noch bei beiden Bakterientypen wirksam. Sofort erhält Spolk ein entsprechendes Präparat und in der Folge heilt die Wunde relativ schnell komplett ab.

Multiresistente Keime - auch in der Tiermedizin ein Problem

Eine Zehenamputation bei einer Katze ist eine normalerweise wenig aufwendige, kleine Operation. Da aufgrund der Lokalität davon ausgegangen werden muss, dass im Gegensatz zB einer Schnittführung in der Bauchwand trotz ausgiebiger Desinfektion kein absolut keimfreies Operationsfeld geschaffen werden kann, wurde bei Spolk von Anfang an ein Antibiotikum eingesetzt. Bei anderen, sterilen Operationen wie z.B. Kastrationen wenden wir keine Antibiotika an.

Die schlechte Wundheilung kann durch den Infekt mit den beiden Keimen hinreichend erklärt werden - an sich sind die Bakterien nicht speziell gefährlich, konnten sich aber aufgrund der fehlenden Wirksamkeit der beiden ersten Antibiotika in der frischen OP-Wunde ungestört vermehren.
Erst die bakteriologische Probe brachte den Sachverhalt ans Tageslicht und erlaubte, ein korrektes Medikament einzusetzen, welches dann den Infekt beseitigte.

Bakterien, welche auf gängige Antibiotika resistent geworden sind, sind heute in der Humanmedizin ein riesiges Problem - eigentlich banale Infekte (zB OP-Wunde, aber auch Harnwegsinfekte nach Kathetrisierung, Venenentzündungen durch Venenkatheter) insbesondere bei Spitalaufenthalten können beim Mensch zu schwerwiegenden Problemen bis hin zum Tod führen, weil sie auf keine Antibiotika mehr ansprechen.

Ursachen für diese Resistenzbildung gibt es diverse: Der häufige oder überflüssige Einsatz der Präparate in der Human- und Veterinärmedizin, die ungenügend lange Applikation bei einem Infekt, und der medizinisch unkontrollierte Einsatz in Schwellen- und Drittweltländern tragen neben dem Umstand, dass Bakterien die Information, wie ein Antibiotikum umgangen werden kann, an andere Bakterien weitergeben können, zu diesem dramatischen Problem bei.