BAILEY, Bordeaux-Dogge, männlich, 3 Jahre alt

Warnung: Diese Fallpräsentation enthält teilweise Bilder von Wunden, welche vom Betrachter als stossend empfunden werden können!

Vorgeschichte

Bailey wird uns erstmals Ende August 2008 vorgestellt, da die Besitzerin eine Schwellung der Hinterpfote rechts bemerkt hat, welche plötzlich entstanden ist.

Untersuchung

Die rechte Hinterpfote ist bis auf Höhe des Fusswurzelgelenkes diffus und sehr stark geschwollen, warm und etwas schmerzhaft; die Pfote wird aber beinahe normal belastet. Es sind keinerlei Wunden zu finden, die Durchblutung der Pfote ist normal. Der Kniefaltenlymphknoten des betroffenen Beines ist stark geschwollen.

Weitere Untersuchungen

Eine Punktion der Unterhaut liefert keine Hinweise auf eine Eiter- oder Flüssigkeitsansammlung. Eine Punktion und zytologische Untersuchung (Zelluntersuchung) des vergrösserten Lymphknotens dokumentiert, dass der Lymphknoten hochaktiv ist, jedoch keine Krebszellen enthält. Bailey wird sofort und noch vor Bekanntwerden der Untersuchungsresultate mit einem Breitspektrumantibiotikum behandelt und erhält ein Medikament zur Schmerz- und Schwellungsbekämpfung.

Weiterer Verlauf

Innerhalb von 2 Tagen verschlechtert sich die Situation dramatisch: Bailey entwickelt Fieber, hat keinen Appetit mehr und ist apathisch. Die Pfote schwillt weiter an und beginnt diffus zu nässen. Bailey wird hospitalisiert, erhält eine intravenöse Tropfinfusion, und die Antibiotikatherapie wird durch ein zweites Medikament erweitert. Ein Blutuntersuch und ein Röntgen der Pfote liefern keine weiteren Erkenntnisse über die Ursache des Problems. 3 Tage nach dem erstmaligen Besuch beginnen grosse Stücke der Haut an Pfote und Mittelfuss abzusterben. Unter Narkose werden die abgestorbenen Hautstücke entfernt, und eine zytologische und bakteriologische Untersuchung des Gewebes wird durchgeführt: Es handelt sich um eine eitrige Entzündung mit  verschiedenen bakteriellen Erregern. Einer davon, ein Fäkalkeim (Escherichia Coli) ist gegen die gängigsten Antibiotika (inklusive die verwendeten beiden Medikamente) resistent. Die Antibiotikatherapie wird deshalb mit dem einzigen Medikament ergänzt, welches gegen diesen Keim wirksam ist.

Im Laufe der nächsten Tage sterben immer grössere Teile der Haut ab und müssen jeweils unter Narkose entfernt werden. Ein spezieller Verband wird angelegt und täglich gewechselt. Schlussendlich fehlen an Bailey’s Pfote insgesamt Hautareale von doppel-Handtellergrösse.

Die Besitzerin entscheidet sich trotz ungewisser Prognose und dem zu erwartenden grossen zeitlichen und finanziellen Aufwand für eine Behandlung.

August

September

Über Monate wird täglich eine Wundtoilette durchgeführt und der Verband gewechselt; Bailey erhält über zwei Monate lang Antibiotika. Mitte September müssen die mittleren 2 Zehen amputiert werden, da sie ebenfalls abgestorben sind.

November

Nach der Zehenamputation beginnt die grosse Wunde langsam, ein Granulationsbett (Gewebe-Neubildung) zu bilden, welche die Defekte über Knochen, Sehnen und Bänder zu schliessen beginnen. Mit der Zeit sind die Verbandwechsel nur noch alle 2 Tage notwendig, zum Teil werden sie auch von der Besitzerin selbst durchgeführt.

 

Dezember

 

Letzte Konsultation (kurz vor Weihnachten 2008)

Bei der letzten Konsultation kurz vor Weihnachten 2008 ist die Wunde bis auf ein Areal von ca 1x2 cm geschlossen; Bailey läuft trotz amputierter Zehen auf der neugebildeten Hornhaut lahmheitsfrei.

Wissenschaftliches

Die Ursache für die fulminante Gewebezerstörung war initial offensichtlich ein sehr aggressiver bakterieller Infekt mit dem Fäkalkeim Escherichia Coli. Eine Eintrittspforte (Stichstelle, Wunde) konnte jedoch nicht eruiert werden. Neben dem aggressiven Charakter des Keimes bewirkte auch die ungünstige Resistenzlage des Bakteriums ein Versagen der sofort eingeleiteten antibiotischen Therapie:

Aufgrund einer breiten Verwendung von Antibiotika in der Tier- und Humanmedizin nimmt das Resistenzproblem bei Bakterien kontinuierlich zu. Wird ein Antibiotikum nicht absolut sachgemäss verwendet (z.B. zu wenig lange, zu wenig hoch dosiert, unzweckmässige Umstände), können Bakterien lernen, trotz Anwesenheit des Medikamentes zu überleben. Dieser Vorgang wird Resistenzbildung genannt und bereitet vor allem in der Humanmedizin grosse Probleme: Insbesondere in Spitälern, wo häufig Antibiotika eingesetzt werden müssen, werden solche resistente Keime regelrecht gezüchtet – was zur Folge haben kann, dass eigentlich harmlose Infekte kaum mehr bekämpft werden können. Besonders gravierend ist dieses Problem z.B. bei der Tuberkulose geworden.

Erschwert wird das Problem durch eine erstaunliche Taktik der Bakterien: Insbesondere Escherichia Coli kann das „Wissen“, wie eine Antibiotikatherapie überlebt werden kann, mittels eines speziellen Stücks Erbsubstanz an andere, naive Keime weitergeben; man spricht hier von infektiöser Resistenzbildung.

Problematisch ist auch der Umstand, dass die normale Bakterienflora von Menschen und ihren Haustieren aufeinander übertragen wird. Eine unsachgemässe Verwendung von Antibiotika beim Tier kann deshalb bei einer Resistenzbildung auch beim Halter für unliebsame Probleme sorgen (und natürlich auch umgekehrt).

Die grosse Opferbereitschaft der Besitzerin von Bailey und das immer wieder erstaunliche Heilpotential der Natur haben schlussendlich nach vier Monaten zu einem sehr erfreulichen Abschluss der Verletzung der Dogge geführt.