PHOEBE, Europäische Kurzhaarkatze, weiblich kastriert, 6 jährig

 

Vorgeschichte

Vorgestellt im Notfall aufgrund von angestrengter Atmung und Zunahme des Bauchumfanges.

Untersuchung

Die Katze zeigt eine Tachypnoe (schnelle Atmung) von über 60 Atemzügen pro Minute, nur schlecht hörbare Herztöne, ein feines Herzgeräusch in der Pumphase des Herzens sowie ein generalisiertes Subcutanödem (übermässige Ansammlung von Gewebsflüssigkeit in der Unterhaut), welches die Katze dicker als normal erscheinen lässt.

 

Röntgen

 Die Röntgenaufnahmen zeigen einerseits einen Pleuraerguss (abnormale Ansammlung von Flüssigkeit in der Brusthöhle) sowie ein Lungenödem und scheinen verdächtig für einen Aszites (abnormale Ansammlung von Flüssigkeit in der Bauchhöhle). Die Herzsilhouette ist aufgrund des Brusthöhlenergusses kaum abgrenzbar.

 

Blutuntersuchungen

 Die Blutuntersuchungen weisen darauf hin, dass die Nieren der Katzen nicht mehr korrekt arbeiten (erhöhte Nierenwerte sowie erniedrigte Kalium-Werte). Der Blutproteingehalt ist aber normal, weshalb ein zu geringer Albumingehalt als Ursache für das Ödem ausscheidet.

 

Herzultraschall

 Als nächstes wird ein Herzultraschall durchgeführt. Hierbei wird festgestellt, dass die Muskulatur des Herzens stark verdickt ist und dadurch die Durchmesser der linken Herzkammer eingeschränkt wird. Das Vorliegen einer Flüssigkeitsansammlung im Brustkorb sowie (in geringerem Masse) in der Bauchhöhle wird bestätigt.

Aufgrund der typischen Veränderungen im Ultraschall wird die Diagnose einer sogenannten hypertrophen Cardiomyopathie gestellt.

 

Weiterer Verlauf

 Die Katze erhält einerseits ein Entwässerungsmittel, welches die Flüssigkeitsansammlungen in der Unterhaut und, längerfristig, die Ergüsse in Brust- und Bauchhöhle eliminieren sollte. Zusätzlich werden zwei Herzmedikamente eingesetzt (ein Betablocker sowie ein sogenannter ACE-Hemmer), um die Pumpleistung des Herzen zu verbessern.

Nach 2 Tagen erfolgt eine Kontrolluntersuchung des Tieres. Obwohl die Unterhautödeme praktisch verschwunden sind, hat sich der Allgemeinzustand und der Appetit der Katze verschlechtert. Eine Blutuntersuchung zeigt, dass die Nierenwerte gestiegen und der Kaliumwert weiter gesunken ist: Offensichtlich hat der Einsatz des Entwässerungsmittels dem Körper zu schnell zuviel Flüssigkeit entzogen, so dass das instabile Gleichgewicht, in der sich die Nierenfunktion befand, ausser Balance geriet. Die Dosis des Entwässerungsmittels wird stark reduziert und dem Futter Kaliumtabletten zugesetzt.

5 Tage später wird die Katze nochmals untersucht. Sie hat wieder Appetit und ist munterer; die Unterhautödeme sind vollständig verschwunden, aber das Tier zeigt aber immer noch eine verstärkte Atmung. Ein Röntgenbild zeigt einen weiterhin bestehenden Brusthöhlenerguss. Die Blutwerte (Nierenwerte und Kalium) haben sich wieder auf das Niveau vor der Entwässerungstherapie verbessert.

Nach gut 2 Monaten Therapie wird die Katze nochmals untersucht. Sie ist bei gutem Allgemeinzustand und zeigt guten Appetit; im Ultraschall ist weder in Brust- noch Bauchhöhle Flüssigkeit zu finden, und das Unterhautödem ist vollständig verschwunden. Die Behandlung mit den 2 Herzmedikamenten und dem tiefdosierten Entwässerungsmittel wird auf unbestimmte Zeit fortgesetzt.

 

Wissenschaftliches

 Die hypertrophe Cardiomyopathie (HCM) ist eine relativ häufige Krankheit bei Katzen. Bei gewissen Rassekatzen (z.B. Maine Coon) ist nachgewiesen, dass zumindest ein Teil der Fälle durch eine Mutation in der Erbsubstanz der betroffenen Tiere verursacht wird. In vielen Fällen ist aber unklar, weswegen sich eine Herzmuskelerkrankung entwickelt. Bei der HCM verdickt sich die Muskulatur des Herzens, was die Füllung der Herzkammern mit Blut erschwert. Zusätzlich wird die Durchblutung des Herzmuskels aufgrund der Muskelverdickung und des verminderten Pumpvolumens vermindert; als Folge fördert das Herz weniger Blut pro Zeiteinheit als ein gesundes Herz. Dadurch steigt der Blutdruck in den Venen der Lunge und des Körpers, was zu druckbedingten Flüssigkeitsaustritten in Körperhöhlen und die Lunge führen kann. Die Entstehung eines Unterhautödemes ist eine seltene Folge der HCM.

Betroffene Tiere zeigen eine erschwerte und beschleunigte Atmung, Appetitverlust, einen verminderten Allgemeinzustand und möglicherweise Gewichtsverlust. Mittels Herzmedikamenten kann die Pumpleistung des Herzens verbessert werden.

Erschwerend bei „Phoebe“ ist der Umstand, dass die Katze zusätzlich zur HCM an einer ungenügenden Nierenfunktion leidet. Durch die verminderte Filtrationsleistung sind die Nieren auf eine genügende Flüssigkeitszufuhr und einen genügenden Körper-Flüssigkeitsgehalt angewiesen; durch das Entwässerungsmittel, welches zur Verbesserung der Atemsituation und des Unterhautödems eingesetzt werden muss, wird dieses labile Gleichgewicht unter Umständen gestört. Glücklicherweise konnte bei „Phoebe“ ein medikamenteller Kompromiss bezüglich der Dosierung des Entwässerungsmittels gefunden werden, welcher einerseits die Entfernung der Flüssigkeit erlaubt und andererseits die Nieren nicht nachhaltig belastet. Günstig ist auch der Umstand, dass eines der eingesetzten Herzmedikamente einen direkten, positiven Einfluss auf die Filtrationstätigkeit der Nieren hat.